Ghostletters in Wien: Was übrigbleibt, wenn ein Schriftzug abmontiert wird

Ansichtssache28. Juni 2016, 12:00
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Ein Wiener Grafiker und zwei Fotografen wollen die Spuren entfernter Schriftzüge in einem Bildband veröffentlichen

Wien – Wenn alte, aus Metall, Glas oder Neonröhren gestaltete Geschäftslokalaufschriften abmontiert werden, hinterlassen sie Spuren. Dort, wo die dreidimensionalen Buchstaben die Fassade vor Umwelteinflüssen geschützt und so das Nachdunkeln verhindert haben, bleibt der Schriftzug – zum Teil noch jahrelang – sichtbar. Der Wiener Grafiker Tom Koch prägte für dieses Phänomen den Begriff "Ghostletters" – angelehnt an die im englischsprachigen Raum bereits existierende "Ghostsigns"-Community.

Crowdsourcing

Mit den Fotografen Daniel Gerersdorfer und Paul Schleicher initiierte Koch im Februar dieses Jahres das Projekt "Ghostletters Vienna". Über die Facebook-Seite des Wien Museums, das sich bereits in der Vergangenheit in Ausstellungen und Veranstaltungen mit Typographie in der Stadt beschäftigte, wurde dazu aufgerufen, Bilder von oder Informationen zu gesichteten "Ghostletters" einzuschicken.

Großer Anklang

586 Einsendungen kamen zusammen. 120 der Schriftzüge werden nun ausgewählt und fotografiert. Sie sollen im Oktober dieses Jahres im laut Koch ersten "Ghostletter"-Bildband Europas veröffentlicht werden. Die Finanzierung für das Buchprojekt mit einer Auflage von 1.000 Stück wurde über eine Crowdfunding-Kampagne aufgestellt. Eine Community, die sich speziell dem widmet, was übrig bleibt, wenn ein Schriftzug entfernt wird, gebe es in Wien noch nicht. Den großen Anklang habe Koch deshalb nicht erwartet.

Für die Nachwelt erhalten

"Ghostletters" seien von "Demontage und Übermalung" bedroht. Bald könnten sie aus dem Stadtbild verschwinden, sagt Koch. Der Bildband soll dazu beitragen, sie "für die Nachwelt zu erhalten". Er wird um redaktionelle Beiträge ergänzt – etwa von Sam Roberts von Ghostsigns UK aus London oder dem Verein Stadtschrift aus Wien. Die Schriftzug-Relikte sollen nicht nur abfotografiert, sondern "in ihrem Umfeld" gezeigt und inszeniert werden. Es ginge auch um die Geschichten und Menschen dahinter.

Die Geschichte vom "Geschäft mit dem P"

Koch erzählt "eine schöne Geschichte" über das "Geschäft mit dem P" in der Servitengasse, Ecke Berggasse im neunten Bezirk (siehe Fotos 1 und 2):

"Das Geschäft war von circa 1897 bis 1905 ein Knopfgeschäft – die Inneneinrichtung ist bis heute, inklusive Beschriftungen der Laden, erhalten – und wurde 1905 zur Drogerie. Besitzer Hans Pusch führte den Laden bis 1982, danach übernahm eine Frau Werner, die 1984 ein Bekleidungsgeschäft daraus machte. Der Buchstabe P ist eigentlich ein HP (Hans Pusch) und war bis 1984 von den Worten Parfümerie, Drogerie, Foto begleitet. Diese wurden abmontiert und es blieb nur das HP. Das abgebrochene H kann man bei genauer Betrachtung auch heute noch erkennen. Frau Werner hat im April zugesperrt, und ein Herr Lamercerie übernahm. Dieser will das Geschäft nun in eine französische Bäckerei umwandeln und dabei alles im Zustand der 1930er-Jahre belassen." (Christa Minkin, 28.6.2016)

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Schrift in der Stadt: Bildband und Feuermauer als typografische Museen

Links

Facebook-Seite "Ghostletters Vienna"

Ghostsigns UK

Verein Stadtschrift

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