Neuwahl in Spanien: Auf Stimmenfang im Hinterland

Reportage23. Juni 2016, 14:28
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Die kleinen Provinzen könnten am Sonntag den Ausschlag für die Sitzverteilung geben

Ariel Jérez setzt sich an einen langen Tisch in der Gartenkneipe in Villanueva de la Torre. Umgeben von Anhängern und Wählern bestellt er ein Bier, genießt die Fleischspießchen, die der Wirt auf den Tisch stellt, lehnt sich zurück und hört vor allem zu. Für heute ist Schluss mit Wahlkampf. Villanueva liegt in der Provinz Guadalajara, 40 Autominuten östlich der spanischen Hauptstadt Madrid. Der Ort mit seinen 7000 Einwohnern ist für den 49-jährigen Jérez ein Heimspiel. "Es ist die größte Gemeinde in der Provinz, in der wir die Bürgermeisterin stellen", sagt der Politikprofessor an der Universität in Madrid. Wir, das ist die Protestpartei Podemos; und für die ist Jérez den ganzen Tag durch die Region getourt.

Er will ins Parlament einziehen. Vier Parteien streiten sich um die drei zu vergebenden Sitze. Bis zum vergangenen 20. Dezember waren die Mandate fest in der Hand der beiden Altparteien, des noch regierenden konservativen Partido Popular (PP) und der sozialistischen PSOE. Doch jetzt steckt das traditionelle Parteiengefüge in der Krise. Im Winter traten erstmals vier Parteien mit guten Aussichten an. "Ich erzielte 17,5 Prozent. Mir fehlten 800 Stimmen für den Einzug ins Parlament", erklärt Jérez.

Die rechtsliberalen Ciudadanos holten damals den dritten Abgeordnetensitz. Bei der erneuten Wahl am kommenden Sonntag, die nötig wurde, weil keine Regierung zustande kam, hat Jérez gute Chancen. Denn seine Podemos hat sich mit der Vereinigten Linken zu "Unidos Podemos" zusammengeschlossen. Wie im Dezember reist er wieder unermüdlich durch die dünn besiedelte Region. Doch Jérez musste nicht nur die Provinz erkunden. "Selbst Reden musste ich lernen", sagt er und grinst. Er forscht seit vielen Jahren über soziale Bewegungen in Europa und Lateinamerika. Das ist ihm anzumerken. Lange Sätze, komplizierter Wortschatz – das zieht im Kontakt mit den Wählern kaum.

Viertärmste Provinz Spaniens

Es ist diesem Manko geschuldet, dass Jérez kaum bekannt ist. Dabei gehört er zu den fünf Madrider Professoren rund um Spitzenkandidat Pablo Iglesias, die Anfang 2014 Podemos ins Leben gerufen haben. Anders als seine Kollegen nahm Jérez nie an Talkshows teil, stellt sich nur ungern Interviews. Jérez, der im Alter von neun Jahren mit seinen Eltern vor der Diktatur in seiner Heimat Argentinien nach Spanien floh, ist bei Podemos für den ländlichen Raum zuständig. Im Hinterland wandert die Bevölkerung seit den 1950er-Jahren ab, weil junge Menschen dort keine Zukunft sehen.

Dort aber, wo die Provinz Guadalajara an die Region Madrid grenzt, nimmt die Bevölkerung zu. Die Wohnungen sind billiger als in der Hauptstadt, Grund und Boden für Industrieansiedlung auch. So manches Unternehmen verlagerte Fabriken und Lagerhallen direkt auf die andere Seite der Grenze, wo auch Villanueva liegt. Der Ort wuchs in den letzten 20 Jahren von 600 Einwohnern auf 7000. Die Provinz Guadalajara ist die viertärmste Provinz Spaniens mit einer Arbeitslosigkeit von knapp 29 Prozent.

Viele Wähler wanderten von den alten Parteien, die mit der Sparpolitik in Verbindung gebracht werden, ab. "Hier hat immer PSOE oder PP regiert, bis wir im Mai 2015 ins Bürgermeisteramt einzogen", erklärt Vanessa Sánchez von "Ahora Villanueva", einer Bürgerliste rund um Podemos. "Wir haben eine der höchsten Quoten an Zwangsräumungen verschuldeter Wohnungseigentümer", sagt Bürgermeisterin Sánchez, die bis zu ihrer Kandidatur nie politisch aktiv war.

Sympathien für Podemos

Die neue Gemeindeverwaltung vermittelt zwischen verschuldeten Wohnungseigentümern und Banken. 40 Familien konnten so in ihren Wohnungen bleiben. Das schafft Sympathien. Bei der jüngsten Parlamentswahl legte Podemos gegenüber der Kommunalwahl an Stimmen zu, während die beiden Großparteien weiter verloren.

Carmen Pérez und Paco Abad gehören zu denen, die von den Sozialisten zu Podemos gewechselt sind. Die 65-Jährige ist mit ihrem Mann Paco Abad in die Gartenkneipe gekommen, um Kandidat Jérez kennenzulernen. Beide sind Rentner. Er arbeitete früher bei Mercedes-Benz in Sindelfingen, dann in einem Kaufhaus in Madrid, sie war Putzfrau. Die beiden haben fünf Kinder. Nur eine Tochter hat eine feste Arbeit in einer der historischen Konditoreien auf der Hauptstraße von Guadalajara. Die anderen arbeiten in den Logistikunternehmen. "Mit prekären Verträgen, die Woche für Woche verlängert werden", sagt Pérez. Das ist möglich, seit zuerst die Sozialisten und dann die Konservativen das Arbeitsrecht änderten.

Es sind die kleinen Provinzen wie Guadalajara, die am Sonntag den Ausschlag bei der Sitzverteilung geben werden. "Gegen Ende der Woche wird mich Pablo Iglesias besuchen", verrät Kandidat Jérez. Er will dann mit seinem Freund und Kollegen über die Hauptstraße von Guadalajara flanieren. Denn: "Das ist hier in der Provinz Tradition im Wahlkampf. (Reiner Wandler aus Guadalajara, 23.6.2016)

  • Die Kandidaten (von links) Mariano Rajoy (Volkspartei), Pedro Sánchez (Sozialisten), Albert Rivera (Ciudadanos) und Pablo Iglesias (Podemos) bei einer TV-Debatte vor der  Parlamentswahl am Sonntag.
    foto: reuters/juan medina

    Die Kandidaten (von links) Mariano Rajoy (Volkspartei), Pedro Sánchez (Sozialisten), Albert Rivera (Ciudadanos) und Pablo Iglesias (Podemos) bei einer TV-Debatte vor der Parlamentswahl am Sonntag.

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