Donald Trumps schwarze Listen für Journalisten

23. Juni 2016, 09:01
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Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat lässt kritische Journalisten von seinen Veranstaltungen aussperren

Dass Donald Trump schwarze Listen führt, weiß jeder Journalist, der schon einmal eine Wahlveranstaltung des Unternehmers besuchte. Es begann im Herbst, als noch kaum jemand für möglich hielt, dass der Milliardär das Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur gewinnen würde. Schon damals genügte es nicht, sich vorab einfach anzumelden. Die amerikanische Neigung zum Unkomplizierten – bei den meisten anderen Bewerbern war nicht einmal eine Anmeldung nötig – galt nie für Trump, den Mann, der sich nach außen so spontan und hemdsärmelig gibt. Bei ihm musste man immer warten, bis seine Leute an der Eingangstür den jeweiligen Reporternamen an einen anonymen Entscheidungsträger gemailt hatten und von dort grünes Licht kam. Oder auch nicht. Bereits vor sieben, acht Monaten war klar: Es gab Medien, die auf Trumps "black list" standen, etwa Univision, der größte spanischsprachige Fernsehkanal der Vereinigten Staaten.

Nun hat Trump öffentlich kundgetan, dass er die Washington Post von seinen Kundgebungen aussperren wird, dem Prestige nach die Nummer zwei unter den amerikanischen Tageszeitungen.

Überschrift des Anstoßes

Den Anlass lieferte eine Überschrift, die sich auf Bemerkungen des Kandidaten kurz nach dem Blutbad von Orlando bezog: "Donald Trump suggeriert, dass Präsident Obama in die Schießerei verwickelt war". Trump hatte tatsächlich davon gesprochen, dass da "irgendwas läuft", wenn Barack Obama sich weigere, den Begriff "radikalen islamischen Terrorismus" zu benutzen.

Trump respektiere offenbar nicht, welche Rolle eine freie und unabhängige Presse zu spielen habe, kommentierte Marty Baron, Chefredakteur des Blatts. "Wenn die Berichterstattung nicht dem entspricht, was sich der Kandidat wünscht, dann wird ein Medienhaus eben mit einem Bann belegt."

Durchaus namhafte amerikanische Publikationen hatten zuvor bereits ähnliche Erfahrungen gemacht: das Washington-Insider-Magazin Politico, die Huffington Post und die Website Buzzfeed, um nur einige Namen zu nennen. Im Falle Ben Schreckingers, eines Kolumnisten von Politico, genügte es, dass er bei Trump ein aufbrausendes Gemüt und autokratische Führungsmethoden beobachtet hatte und darüber schrieb. Jason Linkins, ein Redakteur der Huffington Post, hat auf all das eine prägnante Antwort gegeben: Wer Journalist sei und etwas auf sich halte, sollte Wert darauf legen, auf Donald Trumps schwarzer Liste zu stehen. (Frank Herrmann aus Washington, 23.6.2016)

  • Donald Trump teilt gerne aus, steckt aber ungern ein. Passt ihm ein Medienbericht nicht, kommt der Journalist auf eine "black list".
    foto: reuters/allegri

    Donald Trump teilt gerne aus, steckt aber ungern ein. Passt ihm ein Medienbericht nicht, kommt der Journalist auf eine "black list".

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