Nordkorea: Kim provoziert mit Doppelraketentest

22. Juni 2016, 17:55
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Nordkorea lässt sich auch von vier missglückten Raketenstarts seit April nicht beirren. Das Land testete am Mittwoch in aller Eile zwei weitere potenzielle Atomraketen

Pjöngjang/Peking – Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un schlug zum richtigen Zeitpunkt gleich doppelt zu. Den UN-Sanktionen zum Trotz forderte er wieder einmal alle Welt heraus – mit zwei Raketentests kurz hintereinander, und das, obwohl die Vereinten Nationen solche Tests seinem Land verboten haben. Alle waren gerade abgelenkt. Europa ist mit Brexit und Fußball beschäftigt, die USA in den Wahlkampf verstrickt. Und Chinas Staatschef Xi Jinping ist auf Staatsbesuch in Usbekistan, wo er mit Russlands Präsident Wladimir Putin den Schanghaier SCO-Gipfel der Staaten Zentralasiens eröffnet.

Kim befahl den ersten Test nach Angaben der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap Mittwochfrüh um 5.58 Uhr. Er ließ eine Mittelstreckenrakete vom Typ Musudan von der Ostküste Nordkoreas abschießen. US- und südkoreanisches Militär sehen in ihr eine potenzielle Trägerwaffe, die künftig mit einem Atomsprengkopf bestückt werden könnte. Mit einer Reichweite von 3000 bis 4000 Kilometern erreicht sie angeblich jeden Punkt in Japan und bedroht auch US-Stellungen auf Guam und in Alaska.

Fünfter Fehlschlag in Folge

Südkoreas Verteidigungsbehörden nannten den Test "misslungen". Das Geschoß sei 150 Kilometer vom Start entfernt ins Meer gestürzt. Seit April ist es der inzwischen fünfte Fehlschlag in Folge. Doch um 8.05 Uhr zündete Nordkorea eine zweite Musudan. Sie soll laut Yonhap rund 400 Kilometer weit gekommen sein. 500 Kilometer Distanz gilt als gelungener Test. Vor allem aber rechnete niemand mit dem sechsten Test. Chinas Nachrichtenagentur Xinhua hatte tags zuvor über Vorbereitungen für nur einen Raketenabschuss berichtet. Zudem spekulierte sie auf einen Start am 25. Juni, dem 66. Jahrestag des Ausbruchs des Koreakrieges 1950.

Nordkorea-Experte Zhang Liangui, der an der chinesischen Parteihochschule lehrt, sieht Kalkül hinter dem Zeitpunkt der Raketenabschüsse am Mittwoch. "Es ist auch eine Botschaft, dass es mit Kim keine Wiederauflage des einstigen Sechs-Parteien-Dialogs zur Atomabrüstung geben wird", sagte Zhang dem STANDARD. Am Mittwoch und Donnerstag tagt in Peking das 26. Nordostasien-Forum. China Daily titelte: "Pekinger Forum weckt Hoffnungen für eine Wiederaufnahme der Sechs-Parteien-Gespräche."

Pjöngjang hatte den einstigen Dialog schon 2008 aufgekündigt. Atomabrüstung stehe dort nicht auf der Agenda, erklärte Zhang – und schon gar nicht ein Verzicht auf Atomwaffen. Nach vier unterirdischen Atom- und mehreren Raketentests sucht Pjöngjang nach Anerkennung als Atommacht. Die mehrfach verschärften UN-Sanktionen, die auch von China mitgetragen werden, zeigten bislang wenig Wirkung. Noch am Mittwoch wollte sich der UN-Sicherheitsrat darüber beraten.

Hinter der Eile, mit der Kim seit April Raketentests durchführen ließ, stehe wohl auch Kims Gewissheit, dass ihm die Provokationen nicht schaden können. "Er weiß, dass ihm von der US-Administration kurz vor der Wahl keine Gefahr droht." Kim nutze die Zeit, bevor ein neuer US-Präsident handlungsfähig ist, "um alles zu tun, um Nordkorea als unangreifbare Atommacht zu etablieren". Dazu aber muss er Trägerraketen besitzen, die auch über lange Distanzen fliegen können. (Johnny Erling, 22.6.2016)

  • Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un provoziert mit weiteren Raketentests. Technisch ist er damit derzeit wenig erfolgreich.
    foto: reuters / knca

    Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un provoziert mit weiteren Raketentests. Technisch ist er damit derzeit wenig erfolgreich.

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