Frankreichs Anti-Terror-Chef warnt vor neuen Gefahren

23. Juni 2016, 06:00
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Patrick Calvar sammelt verhinderte Attentate – Die Stimmung im Land sei extrem gespannt

Als er für Frankreich noch Spionage betrieb, zogen sogar seine Gegner den Hut vor ihm, der russische KGB schenkte ihm einmal eine ganze Kiste Wodka. Warum? Solche Fragen beantwortet Patrick Calvar nicht. Der 60-jährige Bretone hält sich, wie jeder gute Agent, bedeckt. Auch heute noch, da er längst Chef von Agenten ist.

Der Vorsteher der Inneren Sicherheit Frankreichs (DGSI) bekleidet seit 2014 eines der wichtigsten Ämter im Staat. Doch als die Nachrichtenagentur Agence France-Presse zur Nominierung ein offizielles Porträt veröffentlichen wollte, verweigerte Calvar jede Mitarbeit. Diskretion verpflichtet.

Man weiß, dass er als Sohn eines Gendarmen in Madagaskar auf die Welt kam, dass er verheiratet ist, zwei Töchter hat und Fußball wie Rugby mag. Fast zehn Jahre war er im Auslandsgeheimdienst tätig, zuerst als "Polizeiattaché" in der Botschaft in London, dann in Paris in der Abteilung "arabisch-muslimische Welt". Dort kannte er sich aus bei Terrorbekämpfung, Nukleargeschäften und Geiselnahmen.

2008 wechselte der athletische Superbulle die Seite – in den Inlandsgeheimdienst DGSI. Dort hat er einen politisch hochbrisanten Job. Über seinen Bürotisch gehen so heiße Dossiers wie das der ominösen Gaddafi-Gelder, die der konservative Expräsident Nicolas Sarkozy vom libyschen Diktator für seinen Wahlkampf 2007 erhalten haben soll.

Eisernes Schweigen

Für seinen aktuellen Arbeitgeber, die Linksregierung von Präsident François Hollande, dürfte er aber auch nur beschränkte Sympathien hegen. 2012 war Calvar gerade Chef des Inlandsgeheimdienstes geworden, als Innenminister Bernard Cazeneuve die Verhaftung von drei Komplizen des Terroristen Mohammed Merah hinausposaunte. Bloß kam das Trio vor der Überstellung von Istanbul nach Paris wegen eines diplomatischen Versehens frei. Cazeneuves Sprecher schob den peinlichen Fauxpas auf Calvar ab, was nun wirklich nicht zutraf. Auf die öffentliche, höchst ungerechte Demütigung reagierte er wie immer: mit eisernem Schweigen.

Angesichts der Fußball-EM hat es Calvar einmal gebrochen. Ende Mai wurde er von der parlamentarischen Kommission der Nationalen Verteidigung einvernommen. Und da bekamen die anwesenden Journalisten Stoff. "Die Frage bezüglich eines nächsten Attentates", so meinte er, "ist nicht, ob, sondern wo es stattfindet." Die Jihadisten versuchten "eine neue Art des Angriffs" – nicht mehr mit Schusswaffen, sondern mit Sprengsätzen "an Orten von Massenversammlungen, um ein Klima der Angst zu schüren".

Dann nannte Calvar ein paar nüchterne Zahlen, die gar nicht nüchtern klingen wollen. In Syrien und dem Irak kämpften 645 Franzosen, berichtete er. Darunter seien 245 Frauen. Die nähmen allerdings nicht an den Kämpfen teil – anders die 20 männlichen Minderjährigen.

Wenig bekannt sei, dass diese Franzosen 400 Kinder hätten, von denen die jüngsten vor Ort geboren seien. "Diese Kinder werden vom IS ausgebildet und instrumentalisiert." Er habe Videos eines Franzosen von zehn oder elf Jahren gesehen, der emotionslos einen vermeintlichen Agenten Israels mit einem Kopfschuss erledige, erklärte Calvar. "Um diese Kinder werden wir uns kümmern müssen, wenn sie nach Hause zurückkehren."

Zurück zu den Zahlen. In Frankreich sind seit der Terrorserie von 2015 mehr als 350 Islamisten festgenommen worden. Gegen 220 wurde ein Strafverfahren wegen Terrorismus eröffnet. Seit August 2013 hätten seine Dienste in Frankreich 15 Terroranschläge vereitelt, ergänzte Calvar. Was jeder Minister bei einer groß inszenierten Pressekonferenz verkünden würde, sagte Frankreichs Geheimdienstchef wie nebenbei.

Rechter Terror

Als Schlussbemerkung gab er noch eine Einschätzung seiner Inlandsagenten im ganzen Land weiter. Ultrarechte Kreise warten demnach nur auf neue Terrorattacken. Die politische und soziale Stimmung im Land sei so gespannt, dass es bloß ein oder zwei Attentate brauche, bis das rechte Milieu selber zuschlage und die Konfrontation zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen anheize. "Und vor dieser Zuspitzung", meinte Calvar, "habe ich hundertmal mehr Angst als vor dem Terrorismus." (Stefan Brändle aus Paris, 23.6.2016)

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    foto: afp
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