1980: Pinocchio und die Abräumerphilosophie

Video22. Juni 2016, 17:39
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Die Endrunde in Italien brachte fußballerische Magerkost unter den Vorzeichen eines Korruptionsskandals – Österreich verpasste die Qualifikation knapp, den Titel holte Deutschland, dank zweier Goals von Kopfballungeheuer Hrubesch

Man könnte es eine Zeitenwende nennen. Erstmals wurde bei einer Europameisterschaft eine Endrunde mit Gruppenphase ausgespielt, das Format näherte sich dem heute gültigen schon recht nahe an. Die Folgen schienen dramatisch. Das Feld verdoppelte sich von bis dahin vier auf acht Teilnehmer, das Turnier zog sich über zwölf statt der bis dahin üblichen fünf Tage.

Die Entscheidung zugunsten einer Neugestaltung war nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen erfolgt, hatte Veranstalter Jugoslawien vier Jahre zuvor doch finanziellen Schiffbruch erlitten. Der diesmalige Ausrichter, Italien, harrte in Vorfreude eines guten Geschäfts. Es sollte anders kommen. Wenige Monate vor Turnierbeginn wurde ein Wettskandal, Totonero, aufgedeckt. Matches in Serie A und B waren in großem Stil verschoben worden, Spieler hatten Geld genommen. Der AC Milan und Lazio Rom wurden in die zweite Liga strafversetzt, Teamstürmer Paolo Rossi von Perugia für drei Jahre gesperrt. Konnte es noch überraschen, dass das Maskottchen der Veranstaltung Pinocchio war?

HHs Momente

Die Stimmung war im Keller, und zu allem Überfluss erwies sich auch noch der aufgetischte Fußball als Kick zum Abgewöhnen. Zynische Abräumerphilosophie feierte traurige Urständ, das Zeitalter der Briegels war angebrochen. Der Dichtmacheransatz führte dazu, dass nur für eine einzige Partie am Ende der Endrunde eine Differenz von mehr als einem Tor zu notieren war. Desinteresse legte sich über die Stadien, der Zuschauerschnitt erreichte nicht einmal die 25.000er-Marke.

Am Ende forderte Außenseiter Belgien im Finale die Deutschen. Damit hatte niemand gerechnet, auch nicht in der Heimat. Das letzte Vorbereitungsmatch der Roten Teufel ging vor 3100 Unentwegten über die Bühne. Doch die Equipe von Guy Thys erwies sich als intelligente, reibungslos schnurrende Maschinerie. Abseitsfalle und Konterstoß waren ihre zur Meisterschaft perfektionierten Instrumente. Erst zwei Minuten vor Schluss konnte Deutschland aufatmen, da stellte Horst Hrubesch mit seinem zweiten Tor auf 2:1. Selbstredend per Kopf. Es waren seine ersten Treffer im Teamdress, in den EM-Kader war der Hamburger erst nach dem Ausfall von Klaus Fischer gerutscht.

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Die Elf des DFB holt in Rom ihren zweiten Titel.

Schottlands Abschenken

Österreich war unter Trainer Karl Stotz mit der Truppe der WM 1978 um Herbert Prohaska und Hans Krankl einer Qualifikation so nahe gekommen wie nie zuvor. Sie führte die Gruppe zwei an, ehe Belgien in seinem letzten Match dank eines 3:1-Auswärtssieges gegen bereits abgeschlagene Schotten noch vorbeizog. "Die schottischen Weihnachtsmänner in der Abwehr verschenkten drei Gaben", befand die AZ in Anspielung an den Spieltermin am 19. Dezember. (Michael Robausch, 22.6.2016)

  • Brodelnde Atmosphäre bei der, nun ja, stimmungsvollen Eröffnung des Turniers im Stadio Olimpico: Man wachelt mit Pinocchio.
    foto: imago

    Brodelnde Atmosphäre bei der, nun ja, stimmungsvollen Eröffnung des Turniers im Stadio Olimpico: Man wachelt mit Pinocchio.

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