Rechte Gefühle

Kommentar der anderen22. Juni 2016, 17:33
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Statt ubiquitärer Erregung muss wieder eine rationale Basis den Diskurs tragen

Mit der Bundespräsidentenwahl hat sich nun auch über Österreich ein Erregungszustand ausgebreitet, der zuerst Formulierungen scharf werden ließ, um sich nun, wie unlängst in Wien, in handfesten Straßenschlachten zu verdichten. Mit in den Hosensäcken geballter Faust werden in den internetären Netzwerken so lange die Säbel gerasselt, bis ein österreichischer Außenminister tatsächlich von Internierungslagern für Flüchtlinge spricht und die Wiener Polizei Demonstrierenden mit Pfeffersprays begegnet.

Strahlender Gewinner

Der strahlende Gewinner dieser Ausgangslage ist das rechtspopulistische Lager, dem naturgemäß daran gelegen sein muss, die politische Debatte zu emotionalisieren, um sie so von argumentativen Redestrategien freizuhalten. Daraus folgt für uns Gegner rechtspopulistischer Gesinnung, dass zunächst alles getan werden muss, dieser ubiquitären Emotionalisierung zu entgehen und den politischen Diskurs wieder auf eine rationale Basis zurückzuführen.

Solange verbaler Gewalt mit gleicher Gewalt aus der Gegenrichtung begegnet wird, vergrößert sich die Einflusssphäre populistischer Politikanschauung. Antwortet der Poster oder die Posterin auf eine verbal untergriffige Attacke mit einer noch untergriffigeren, freut sich das illiberale Lager. Wenn das Wording sowohl eines Außenministers als auch eines antifaschistischen Austromarxisten immer stärker die emotional-kraftstrotzende Pointe sucht, anstatt vermittelnd einzugreifen, reiben sich Herbert Kickel und Konsorten die Hände.

Wenn wir uns die rechten Erregungszustände aufzwingen lassen, indem wir nun selbst möglichst aufgereizt die politische Arena betreten, dann schlägt der diskursiv organisierten Demokratie bald ihr letztes Stündchen. Diese aufgeheizte Atmosphäre ist umso mehr zu bedauern, als es gerade das rational-argumentative Feld ist, auf dem liberale und linke Gesellschaftsmodelle ihre größten Trümpfe ausspielen und rechtspopulistische Gesinnungen im Handumdrehen entzaubert werden könnten.

Bis zum heutigen Tag gibt es keine einzige ernst zu nehmende, intellektuell befriedigende "rechte" Gesellschafstheorie, Ökonomie, Geschichtswissenschaft oder Philologie. Im Namen der Nation Politik oder Wirtschaft zu betreiben ist zweifellos populär, doch intellektuell und pragmatisch völlig haltlos, weshalb es unser ureigenstes Anliegen sein muss, die Debatte immer wieder auf ein rationales Feld zu zerren, um so das argumentative Nichts rechtspopulistischer Theorie bloßzustellen.

Zum Schwingen bringen

Im Interesse rechtspopulistischer Parteien liegt es, Gefühle zum Schwingen zu bringen und dieses sentimentale Schwingen für Politik auszugeben. Im Interesse aller übrigen politischen Lager ist es, Politik als das genaue Gegenteil dieses gefühlsbetonten Schwingens zu definieren.

Darüber hinaus gilt es dem schmierigen Facebook-Winkel zu misstrauen, in dem sich Scheingefechte ganz eigener Art etablierten, welche das politisch essenzielle Unbehagen verpuffen lassen und kathartisch reinigen, ohne tatsächlich Veränderung zu bewirken. Die größten Probleme unserer Zeit – die Jugendarbeitslosigkeit in weiten Teilen Europas, die klimatischen Veränderungen in weiten Zonen rund um Europa, die zunehmende Reideologisierung im Namen der Nation oder irgendeines Gottes -, all diese Probleme werden wir nicht lösen, indem wir einen "Like"-Botton drücken, sondern nur durch zähe Informierung, echte öffentliche Auseinandersetzung und vor allen Dingen: indem wir einen kühlen Kopf bewahren.

Und noch eine Sache muss uns unmissverständlich klar sein: Wenn wir den vernünftigen, argumentativen Diskurs deshalb meiden, weil wir Millionen von Menschen eigentlich für unfähig halten, unsere strahlenden Wahrheiten wirklich zu verstehen, dann beginnt das Demokratiedefizit mitten in unserem eigenen Kopf. (Dominik Barta, 22.6.2016)

Dominik Barta ist OEAD-Lektor an der Universität Warschau und hat Germanistik und Philosophie in Wien studiert.

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