Deutscher Gruppensieg, deutsche Jammerei und deutsche Vorfreude

22. Juni 2016, 17:15
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Deutschland hat die Vorrunde souverän gemeistert, obgleich es auch Schatten gab. Teamchef Löw monierte die Abschlusschwäche beim 1:0 gegen Nordirland. Er freut sich trotzdem auf die K.-o.-Runde.

Paris – Es war nicht alles gut, aber bei weitem auch nicht alles schlecht. Deutschland hat die Vorrunde als Gruppensieger hinter sich gebracht – wenig überraschend. Aber gegen durchwegs defensiv eingestellte Gegner tut sich auch ein Weltmeister schwer. Sieben Punkte, zwei Siege, ein Remis, drei Tore, keine Gegentore. Zum Abschluss gegen Nordirland musste das DFB-Team trotz 28:2 Torschüssen bis zum Schluss um den Erfolg und damit den Gruppensieg zittern.

"Das geht nicht! Damit kann man nicht spaßen", schimpfte Teamchef Joachim Löw: "Wir müssen auch mal das Tor treffen. Wir hätten zur Halbzeit 3:0 oder 4:0 führen können oder müssen." Mario Gómez' Treffer in der 30. Minute reichte zum Sieg. Immerhin, es war des DFB-Teams erstes Stürmertor bei dieser EM.

Totale Dominanz

Zuvor hatte sich Löw beim 2:0 gegen die Ukraine über Abwehrschwächen geärgert, beim 0:0 gegen Polen über Harmlosigkeit und zuletzt eben über die Abschlussschwäche. Ansonsten war er aber mit dem Spiel zufrieden. "Wir haben total dominiert."

Und die Spieler selbst gingen ohnehin nicht so hart mit sich ins Gericht. "Ich glaube, dass wir wieder ein bisschen mehr Fan dieser Mannschaft werden sollten. Wir alle!", sagte Gómez. "Ich bin Fan dieser Mannschaft, und ich freue mich riesig." Es wüssten "doch alle, dass die Vorrunde bei einem Turnier spätestens ab übermorgen sowieso Vergangenheit ist und keinen Menschen mehr interessiert. Ab jetzt beginnt im Grunde wieder ein neues Turnier."

Erstmals seit 1996 hat Deutschland eine EM-Vorrunde wieder ohne Gegentor überstanden – damals holte es in England den EM-Titel – seinen bisher letzten.

Favoritenrolle

Dass der Titelkandidat noch nicht am Limit spielte, verkauft er sich und der Gegnerschaft aber auch als Vorteil. "Es ist bei einem Turnier gut, wenn man sich noch steigern kann", sagte Sami Khedira, der noch nicht in Bestform agierte. Und Thomas Müller, dessen "EM-Fluch" sich im achten Spiel bei einer EURO mit Stangen- und Lattentreffer zuspitzte, sagte: "Vielleicht ist das Ergebnis auch gut so. Jetzt glaubt keiner, dass wir den Fußball erfunden haben."

Die Favoritenrolle wird das DFB-Team deshalb keinesfalls los. Im Achtelfinale wartet auch ein eher defensiv eingestellter Gegner. Ob es die Slowakei oder Albanien sein würde, entschied sich nach Blattschluss. Löw: "Der nächste Gegner wird gegen uns auch defensiv spielen."

Toni Kroos hingegen sagt: "So harmlos wie Nordirland wird kein Gegner mehr sein." Damit hat er wohl recht. Sollte Deutschland das Viertelfinale erreichen, würde dort entweder Spanien oder Italien warten.

Gefunden

Es scheint so, als hätte Löw seine Stammformation gefunden. Gómez als Solospitze machte sich ebenso gut wie Joshua Kimmich auf der rechten Abwehrseite. Die Position war bis dahin das Problemfeld der Mannschaft. Lob für den 21-Jährigen kam sogar von Benedikt Höwedes, der die Position in den beiden vorangegangenen Spielen bekleidet hatte. "Joshua hat klasse gespielt. Es war genau die richtige Entscheidung vom Coach, ihn zu bringen."

Ab jetzt wollen die Deutschen nur noch nach vorn blicken. Löw: "Ich freue mich auf die K.-o.-Runden, das sind für mich die tollen Spiele." Gómez sagt: "Jetzt hoffen wir, dass wir auch noch die Tore schießen. Vielleicht haben wir uns die Tore für die K.-o.-Phase aufgehoben." Und dann ist ja noch die Sache mit der Turniermannschaft, die keinem Team so sehr nachgesagt wird wie dem deutschen. (sid, APA, rie, 22.6.2016)

  • Mario Gomez (rechts) feiert das Siegestor gegen Nordirland. In der K.-o.-Phase will er, will das DFB-Team, öfter treffen.
    foto: reuters/sibley

    Mario Gomez (rechts) feiert das Siegestor gegen Nordirland. In der K.-o.-Phase will er, will das DFB-Team, öfter treffen.

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