Unicredit-Präsident: "Referendum war enormer Fehler Camerons"

Interview22. Juni 2016, 18:00
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Großbritannien könnte einen Brexit laut Giuseppe Vita nur schwer verkraften. Bei der Unicredit ortet er Kapitalbedarf

STANDARD: Sie sind überzeugter Europäer. Haben Sie Sorge, dass Europa auseinanderbricht?

Vita: Natürlich sorge ich mich um die Zukunft der EU. Da wir uns in einer Phase befinden, in der Europa so gut wie nicht existiert, müssen wir neu starten. Eine Gruppe von einigen EU-Mitgliedern muss als Beispiel den anderen Nationen vorangehen.

STANDARD: Kommt ein Europa der zwei Geschwindigkeiten?

Vita: Es gibt schon längst nicht nur zwei, sondern mehrere Geschwindigkeiten innerhalb der EU. So haben nur einige der EU-Mitglieder, aber nicht alle, Schengen unterzeichnet, auch sind nicht alle EU-Länder dem Euro beigetreten. Eines der großen Probleme Europas ist die chronische "Wahlitis", die chronische Wahlkrankheit. In sieben Ländern Europas finden jedes Jahr entweder nationale, regionale oder kommunale Wahlen statt. Da kommt es zu Versprechen mit verheerenden Folgen. So ein Wahlversprechen war in England das Referendum über den Verbleib in Europa. Ein enormer Fehler von Premier David Cameron. Ein Austritt wäre ein Wahnsinn, ein großer politischer Irrtum. Zweifellos bräuchte Großbritannien Jahre, um sich von den wirtschaftlichen Folgen eines Brexit zu erholen. In Europa wären die wirtschaftlichen Auswirkungen weniger fatal. Was Unicredit betrifft, so sehe ich keine direkten Auswirkungen eines Brexit auf unser Bankgeschäft.

STANDARD: Unicredit-Chef Federico Ghizzoni hat eine Strategie mit möglichen Assetverkäufen eingeleitet und drastische Maßnahmen wie eine Kapitalerhöhung ausgeschlossen. Waren Sie einverstanden, oder sind Sie für Strategieänderungen?

Vita: Die Strategie Ghizzonis ging bis Ende 2015 gut. Wir haben die Kapitaldecke bis zu vier Milliarden Euro gefestigt. Zu Jahresende mussten wir aber intervenieren, um vier Banken vor dem Konkurs zu retten, wir mussten auch in den Europäischen Solidaritätsfonds einzahlen. Dazu kam, dass die Wirtschaft langsamer als vorgesehen wächst. Das alles hat zum Tsunami an der Börse geführt. Vor diesem Hintergrund ist eine Änderung der bislang eingehaltenen Strategie erforderlich.

STANDARD: Manche Großaktionäre wie die Bankstiftungen drängen, die Vorstandschefbestellung zu beschleunigen. Ist das machbar? Ist es denkbar, dass der neue Unicredit-Chef bereits bei der nächsten Board-Sitzung am 11. Juli ernannt wird?

Vita: Nicht nur die Aktionäre, auch unsere Angestellten und selbst Finanzminister Pier Carlo Padoan drängen auf eine baldige Ernennung. Wir haben nun die Suche beschleunigt. Es ist nicht auszuschließen, dass wir unser Ziel relativ schnell erreichen.

STANDARD: Angeblich soll die Beratungsfirma Egon Zehnder bereits eine Shortlist mit drei bis vier Namen präsentiert haben. Kennen Sie die Namen auf dieser Shortlist?

Vita: Bislang hat Zehnder noch keine Shortlist präsentiert.

STANDARD: Ist eine Kapitalerhöhung von mindestens fünf Milliarden Euro, wie sie etwa von Barclays gefordert wird, unbedingt notwendig?

Vita: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Kapitaldecke zu festigen. Der Board diskutiert derzeit die verschiedensten Varianten.

STANDARD: Was ist derzeit das größte Problem der Unicredit? Die schwache Kapitalausstattung oder der hohe Anteil von Problemkrediten?

Vita: Das größte Problem ist, dass die Wirtschaft nicht so wächst, wie erwartet wurde.

STANDARD: Wie sehen Sie die Gerüchte, dass Unicredit von ihrer Strategie einer europäischen Bank abgehen und profitable Beteiligungen im Ausland verkaufen könnte? Angeblich soll auch der Verkauf von Hypo Vereinsbank und Bank Austria zur Diskussion stehen.

Vita: Unicredit ist eine europäische Bank und wird es bleiben. Das liegt in ihrer DNA. Es ist undenkbar, dass Unicredit ausgerechnet aus den wirtschaftlich reichsten Regionen Europas wie Deutschland oder Österreich aussteigen wird.

STANDARD: Haben in dem bevorstehenden neuen Geschäftsplan noch die von CEO Ghizzoni gemachten Versprechungen Gültigkeit, das Retailgeschäft der Bank Austria zu sanieren? Oder könnte da eine Verschärfung, ein Strategiewechsel bevorstehen?

Vita: Es ist offensichtlich, dass die Zukunft im digitalen Bank-Business liegt. Wir sind verpflichtet, eine Umstrukturierung, einen Wandel vorzunehmen. Nicht nur in Österreich, sondern in allen Ländern. Wir müssen unsere Wettbewerbsfähigkeit verbessern. (Thesy Kness-Bastaroli, 22.6.2016)

Giuseppe Vita, 81-jähriger Arzt aus Sizilien, hat den Großteil seiner Karriere in Deutschland gemacht. Bevor Unicredit ihn vor vier Jahren zum Präsidenten ernannte, stand er auch dem Axel-Springer-Verlag als Präsident vor. Sein Mandat bei Unicredit endet 2018.

  • Unicredit-Präsident Giuseppe Vita sorgt sich um Europa.
    foto: reuters/paolo bona

    Unicredit-Präsident Giuseppe Vita sorgt sich um Europa.

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