Das kroatische Ausweichmanöver

22. Juni 2016, 17:08
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Nach dem 2:1 Kroatiens über den Titelverteidiger Spanien biegt die Mannschaft von Trainer Ante Cacic in eine breite Straße Richtung Finale. Als Sieger der Gruppe D konnten die Kroaten den großen Brocken weiträumig ausweichen

Bordeaux – Damit haben die wenigsten gerechnet. Dass die Kroaten – ohnehin geschurigelt durch Verbandsquerelen sowie Fandrohungen und -ausschreitungen – den Spaniern die erste EM-Niederlage seit 2004 zufügen. Und was für eine. Das 2:1 war nur in dem Ausmaß glücklich, als Siege im Fußball immer glücklich sind. Darüber hinaus aber war es hochbeeindruckend, wie gekonnt und aufgezuckert bis zur Willensstärke dem doppelten Titelverteidiger Grenzen aufgezeigt wurden.

Und das mit einem Team, in dem die Besten der Besten – Luka Modric von Real Madrid und Mario Mandzukic von Juve – auf der Bank saßen. Die waren schonungsbedürftig. Und qualifiziert war man ja schon. Gegner im Achtelfinale, so dachte vorm Spiel wohl auch Ante Cacic, der Coach, würde Italien sein, der Sieger aus der Gruppe F.

Mit dem 2:1 über die Spanier konnte Kroatien aber der stark performenden Squadra weiträumig ausweichen. Durch den Sieg in ihrer Gruppe D biegen die Kroaten in jene Finalstraße ein, auf der kein Team kickt, das schon einmal einen großen Titel geholt hat. Auf der Parallelstraße warten diese: Spanien eben, Deutschland, England, Italien, Frankreich, das summiert sich auf elf WM- und neun EM-Titel.

"Das", sagt Ivan Perisic, dessen schönes Kontertor in der 87. Minute das Ausweichmanöver erst ermöglicht hatte, "war erst der Anfang, wir wollen noch lange im Turnier bleiben. Wir haben ein tolles Team und sind bereit." Das klang zuversichtlich. Aber keineswegs überheblich.

Das reife, ja abgeklärte, trotz strengster taktischer Disziplin richtiggehend brennende Team vergleicht sich selbst schon mit jenem von 1998, das bei der Weltmeisterschaft in Frankreich Dritter wurde.

Davor Suker, Robert Prosinecki, Zvonimir Boban hießen damals jene, die heute Luka Modric heißen oder Mario Mandzukic oder Ivan Perisic. Miroslav Blazevic heißt heute Ante Cacic, und den stört am Vergleich mit den 98ern nur das eine: "Ich glaube, dass wir hier jedes Spiel gewinnen können."

Intravenöses Coaching

Diese Haltung hat der Trainer den Seinen offenbar auch intravenös verabreicht. Perisic, der als Inter-Spieler ja wissen muss, was er da sagt, sagt: "Italien muss froh sein, dass sie nicht gegen uns spielen müssen." Und sein 21-jähriger Sturm-Kollege von Dinamo, Marko Pjaca, ergänzt: "Wenn wir so weiterspielen, können wir jede Mannschaft schlagen." Denn: "Wer Spanien besiegt, kann weit kommen."

Bis ans Ziel aller Träume aller Mannschaften. Spaniens Trainer, Vicente del Bosque, hatte die Kroaten auch vor der iberischen Niederlage auf der Rechnung gehabt. Es mag ein schwacher Trost sein, dass sein altgedientes Trainerauge die Vorzüge einer Mannschaft sah, deren technisch makellose Spieler das Herz aufbringen, die jeweils gegnerspezifischen Taktikvarianten mit wohlgeordnetem Spiel und letzter Konsequenz aufs Feld zu bringen.

Das, sagt Perisic, müsse auch unbedingt so bleiben im noch langen Turnier. "Wir müssen fokussiert bleiben. Wenn wir jetzt nachlassen, verlieren wir alles." Die einmalige Chance, einem der gewaltigen Brocken erst im möglichen Finale zu begegnen, müsse genutzt werden.

Weil, so Ante Cacic: "Wir wollen Kroatien stolz machen." Sein Verbandspräsident, obgenannter Davor Suker, der sich mit einer Strafe wegen des Fanverhaltens beim Spiel gegen Tschechien konfrontiert sieht, warnt aber vorsorglich: "Noch haben wir nichts erreicht." (sid, wei, 22.6.2016)

  • Wer siegt, darf auch kosen. Ivan Rakitic und Siegtorschütze Ivan Perisic wollen das in Frankreich noch öfter, ja sehr oft tun.
    foto: afp/georges gobet

    Wer siegt, darf auch kosen. Ivan Rakitic und Siegtorschütze Ivan Perisic wollen das in Frankreich noch öfter, ja sehr oft tun.

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