Pop-Art-Künstler Jim Dine: Die Ehrlichkeit und der Spiegel

23. Juni 2016, 07:00
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Seit beinahe 60 Jahren fertigt der US-amerikanische Künstler Selbstporträts von sich – faszinierende, expressive Arbeiten, die weniger vom Künstler erzählen, als zum inneren Dialog einladen: "I never look away" in der Albertina

Wien – "Ich wollte kein Pop-Art-Künstler sein. Aber in wirtschaftlicher Hinsicht hat sie mir gute Dienste geleistet", scherzt Jim Dine mit entwaffnender Offenheit. Gerne wird der US-Amerikaner in die Nähe der Pop-Art gerückt, als einer ihrer Pioniere bezeichnet, zählte doch, nachdem er 1958 nach New York kam, Claes Oldenburg – neben Dines Performance-Kollege Allan Kaprow – zu seinen engen Weggefährten.

So wie Oldenburg und andere riss Dine zwar Alltagsobjekte aus ihren ursprünglichen Kontexten, integrierte sie – etwa Werkzeuge und Kleidungsstücke – in seine Arbeiten. Aber die Gegenstände "waren immer Metaphern für etwas anderes", für viel persönlichere Erfahrungen, erklärt der vor wenigen Tagen 81 Jahre alt gewordene Künstler rückblickend. Und tatsächlich sollte sich Dine damals rasch entfernen von Kühle, Sachlichkeit und oft auch distanzierter Unverbindlichkeit der Pop-Art: "Ich hatte nie eine Romanze mit der Populärkultur."

Stets ernst blickend

In der Albertina sind nun 60 expressive, in verschiedensten Techniken gefertigte Selbstporträts des selbsterklärten "malerischen Zeichners" Jim Dine zu sehen. Sie zeigen einen stets ernst blickenden Mann, die Stirn vom angestrengten Schauen in den Spiegel in Falten gelegt. Mal ist sein Gesicht dunkel verschattet, mal wie durchpflügt von kräftigen Kohlestrichen oder übersät mit roten, an Blutspritzer erinnernden Flecken. Es gibt Bilder, da fehlen die Augen, weil er sie "vielleicht an diesem Tag nicht hinbekommen" hat, in anderen ist der Blick leer oder gar ausweichend.

Aber dann sind da noch jene intensiven Arbeiten, in denen die in der Realität warmen braunen Augen des Künstlers den Betrachter regelrecht zu durchbohren, ja mit unbequemen Fragen zu konfrontieren scheinen: I never look away, der Titel der konzentrierten Schau, passt dann plötzlich nicht nur zu Dines ungeschönter Selbstbetrachtung. Manchmal trickst dieser sich auch selbst aus, fertigt per Selbstauslöser zig Schnappschüsse von sich. Im Mechanischen der Fotografie finde er Zugang zu marginalen Gedanken, zu Überraschendem: "Es ist schwierig, zum Spiegel ehrlich zu sein."

Farbstrotzend

Angesichts der großartigen, trotz ihres Ernstes einen Gefühlskosmos wachküssenden Selbstbildnisse würde man es nicht für möglich halten, dass es diese populären, das Missverständnis des Pop nährenden Motive Dines trotzdem gegeben hat: ganze Gemäldezyklen voller Herzen, farbstrotzend und in Richtung Kitsch und Art brut tendierend. Und seit 1964, dem Jahr, in dem er an der Biennale in Venedig teilnahm, auch den immer wiederkehrenden Bademantel. "Ich wollte ein zeitgenössischer Künstler sein", gesteht er in frappierender Ehrlichkeit, wieso er diese ungewöhnliche Form des Selbstporträts, ohne Kopf, wählte, und setzt nach: "Eine kindische Ambition."

Blitzschnell reagiert Dine auf Fragen und wirkt in seinen unverblümten, direkten Antworten extrem jung und in seiner angriffigen Schroffheit, bis auf die orangeroten Sneakers, herrlich unamerikanisch. "Es ist keine Narration, es geht um Zeichnung", schmettert er allzu Neugieriges ab. "Was zählt, ist, was Sie sehen! Es ist Ihre Wahrnehmung! So ist es immer in der Kunst." Das Ansinnen der Kunsthistoriker, die oft jahrelang forschend über Fragen des Wann, Wo und Wieso brüten, fegt er hinweg. "Irrelevant."

Nicht dein Kaffee!

Freilich seien seine Bilder Selbst-Offenbarungen, aber eben persönliche Erfahrungen und Erinnerungen, also eben "none of your business", wirft er die ewig Wissbegierigen immer wieder auf sich selbst und den eigenen Erfahrungsschatz zurück. Er wolle nichts preisgeben in seinen Bildern. "Sie kennen mich nicht", sagt Dine, der der Albertina im Vorjahr 230 seiner Selbstporträts schenkte. "Ich lasse nicht mich in der Albertina zurück, sondern nur meine Zeichnungen." (Anne Katrin Feßler, 23.6.2016)

Bis 2. 10.

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Albertina

  • Vom Jahr 1958 bis in die  unmittelbare Gegenwart führen uns Jim Dines zeichnerische und fotografische Selbstporträts in der Albertina: Hier Arbeiten von 1984...
    foto: albertina / jim dine

    Vom Jahr 1958 bis in die unmittelbare Gegenwart führen uns Jim Dines zeichnerische und fotografische Selbstporträts in der Albertina: Hier Arbeiten von 1984...

  • ... 2003 ...
    foto: albertina / jim dine

    ... 2003 ...

  • ... und 2009.
    foto: albertina / jim dine

    ... und 2009.

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