Pöltls Lebensverlosung à la Hollywood

22. Juni 2016, 17:20
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Milwaukee? Toronto? Oder doch Boston? Egal. "Das Team, das mich holt, soll mich auch brauchen", sagt Jakob Pöltl. Der 20-jährige Wiener erfährt in der Nacht auf Freitag beim NBA-Draft seinen neuen Arbeitgeber in der besten Basketball-Liga der Welt

Wien / New York – Schnelle Dribblings, geschmeidige Bewegungen, erfolgreiche Würfe aus allen Lagen. Jakob Pöltl hat in den vergangenen Wochen bei mehreren Teams der National Basketball Association (NBA) vorgespielt (siehe Video). Und ihnen dabei nichts vorgemacht. Der 20-jährige Wiener zeigte, dass er bereit ist für die beste Liga der Welt. "Das war sehr anstrengend, aber das Lernen geht jetzt erst richtig los. Die erste Saison wird auf keinen Fall leicht", sagt Pöltl über seinen Traum, der sich in der Nacht von Donnerstag auf Freitag (ab 1 Uhr MESZ) in New York materialisieren wird.

Dort erfährt der 2,13-m-Mann beim Draft den Verein, bei dem er seine NBA-Karriere starten wird. Und dort zählt er auch zu den größten Objekten der Begierde, gilt als Top-Ten-Pick, nachdem er sich in den vergangenen zwei Jahren in der US-College-Meisterschaft im Trikot der Utah Utes einen Namen gemacht hat. Pöltl selbst ist die Draft-Position relativ wurscht, "das Team, das mich holt, soll mich auch brauchen, ich möchte mich weiterentwickeln".

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Der Draft, das ist die große Lebensverlosung. Beim alljährlich aufgezogenen Spektakel im Hollywood-Format sichern sich die Klubs die Rechte an den besten Nachwuchstalenten. Das Fernsehen überträgt live aus dem Barclays Center in Brooklyn, das für europäische Verhältnisse ungewöhnliche Prozedere sorgt für Kurzweil. Denn es sind nicht die Spieler, die über ihre Zukunft entscheiden dürfen, sondern die Vereine.

Sieben Begutachter

Begutachtet wurde Pöltl vorab von den Boston Celtics, Phoenix Suns, Minnesota Timberwolves, Toronto Raptors, Chicago Bulls, Orlando Magic und den Milwaukee Bucks. Letztere zeigten besonderes Interesse und könnten mit dem zehnten Pick zuschlagen. "Wenn wir ihn draften, wird er in den Kader passen", sagt Milwaukees Scouting-Chef Billy McKinney. "Er ist absolut auf unserem Radar. Auch Toronto (9.) und Orlando (11.) haben gute Chancen, den Wiener zu holen.

Dass Pöltl im Fokus steht, bestätigt auch eine Entscheidung der Liga. Die 16 besten Talente werden beim Draft in den "Green Room" bestellt, wo TV-Kameras die Reaktionen der Spieler einfangen. Pöltl ist mit dabei, diese Einladung gilt freilich als große Ehre – die etwa einem Dirk Nowitzki seinerzeit nicht zuteilwurde. Der Deutsche blieb 1998 in der Heimat und verfolgte im Fernsehen, wie er an neunter Stelle von den Milwaukee Bucks ausgewählt und dann direkt nach Dallas weitertransferiert wurde.

Einen Vergleich mit dem Champion und sechstbesten Werfer aller Zeiten (29.491 Punkte) lehnt Pöltl ab. "Das ist ein bisschen früh, wenn man bedenkt, was er erreicht hat. Aber "ich nehme es einfach als Kompliment."

Kein Weichei

So oder so ist Pöltl ein Pionier. In die NBA hat es im Gegensatz zu den drei anderen großen Profiligen, American Football (NFL), Eishockey (NHL) und Baseball (MLB), nämlich bisher noch kein Österreicher geschafft. Ein paar Fragezeichen bleiben allerdings. Den stählernen Körper, den es für eine lange Saison mit 82 Saisonspielen braucht, muss sich Pöltl erst antrainieren. Noch wiegt er nur 112 Kilo. Sorgen, dass Pöltl noch nicht bereit sein könnte, macht sich McKinney keine. "Er wird stärker werden. Wenn du mit anderen Leuten über ihn sprichst, wirst du nicht hören, dass er soft wäre." Seinen Wurf, der kritisiert wurde, hat er schon verbessert. Die schwierigste Aufgabe wird es sein, sich in der Liga zu halten.

Jakob Pöltl weilt mit seiner Familie, mit Freunden und seinem ehemaligen College-Trainer Larry Krystkowiak seit Dienstag in New York, ein Medientermin jagt den nächsten. In der Nacht auf Freitag steigt die Draft-Gala, und nicht allzu spät wird sein Name vom NBA-Präsidenten aufgerufen werden. Ob sich Pöltl diesen Moment schon vorgestellt hat? "Jein. Ich werde sicher aufgeregt, aber auch erleichtert sein." (Florian Vetter, 22.6.2016)

  • Zwei starke Jahre für die Universität von Utah reichten Jakob Pöltl für eine Eintrittskarte in die NBA.
    foto: apa/afp/getty images/justin edmo

    Zwei starke Jahre für die Universität von Utah reichten Jakob Pöltl für eine Eintrittskarte in die NBA.

  • Damals ein Wölfchen bei den D.C. Timberwolves in Wien – Altersklasse U12. Heute ein Leitwolf auf dem Weg in die NBA.
    foto: apa/weiss

    Damals ein Wölfchen bei den D.C. Timberwolves in Wien – Altersklasse U12. Heute ein Leitwolf auf dem Weg in die NBA.

  • Mit 17 Jahren in Österreichs zweiter Bundesliga.
    foto: apa/whmc e.u.

    Mit 17 Jahren in Österreichs zweiter Bundesliga.

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