75 Prozent aller Staatsanleihen mit negativen Zinsen

23. Juni 2016, 06:00
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Österreich kann sich bereits für sieben Jahre verschulden und Geld dabei verdienen – eine Folge des extremen Niedrigzinsumfelds. Viel Grund zur Freude hat dabei der Finanzminister

Wien – Ein Häuslbauer geht zu seiner Bank, um sich wegen eines Kredites über 300.000 Euro zu erkundigen. Als der Bankberater ihm sein Angebot übergibt, staunt der Immobilienbesitzer in spe nicht schlecht. Anstatt Zinsen zu bezahlen, bietet ihm das Kreditinstitut Geld an, wenn er das Darlehen aufnimmt.

Was auf den ersten Blick weltfremd klingt, ist für eine Reihe von Staaten in Europa heute Realität. Investoren wie Banken, Sparkassen und Versicherungen sind bereit, Ländern Geld zu Negativzinsen zu borgen. Davon profitiert aktuell auch Österreich massiv.

Am 7. Juni hat die Republik zum dritten Mal eine Staatsanleihe mit einer negativen Rendite an Investoren verkaufen können. Neu ist, dass Gläubiger inzwischen bereit sind, selbst bei Krediten mit einer sehr langen Laufzeit ein Verlustgeschäft zu machen. In der Regel gilt, dass ein Darlehen umso teurer wird, je länger Geld überlassen wird.

Negative Renditen

Österreich kann sich derzeit aber bereits für eine Laufzeit von sieben Jahre mit negativen Renditen verschulden. Eine Pensionskasse, die dem Staat heute eine Million Euro leiht, bekommt im Jahr 2023 nur 999.610 Euro retour. Der Finanzminister verdient also sogar am Schuldenmachen. Spektakulär sind auch die Zahlen vom Sekundärmarkt, wo bereits vom Staat verkaufte Anleihen von Investoren gehandelt werden.

Laut einer Berechnung von Patrick Krizan, der als Analyst bei der Raiffeisen Bank International arbeitet, weisen inzwischen rund 75 Prozent der kurz und langfristigen Schuldscheine der Republik eine negative Rendite auf. Die Oesterreichische Bundesfinanzierungsagentur (Öbfa) bezieht in diese Rechnung nur Staatsanleihen ein und nennt eine etwas geringere Zahl von 65 Prozent.

Der Finanzminister profitiert von den Entwicklungen am Sekundarmarkt indirekt. Wenn die Renditen dort sinken, bedeutet dies, dass Investoren auch bei neu ausgegebenen Schuldscheinen bereit sind, niedrigere Zinsen zu akzeptieren. Die Entwicklung in Österreich spiegelt sich inzwischen in den Budgetzahlen von Finanzminister Hans Jörg Schelling wider. Als Folge der Wirtschaftskrise und der Bankenrettungen ist die Schuldenlast Österreichs seit 2008 um gut 20 Prozentpunkte gestiegen. Um die Verschuldenslage beurteilen zu können, reicht eine Kennzahl nicht aus.

Wie Schelling profitiert

Nimmt man die laufenden Kosten für die Zinsen als Maßstab, steht Österreich heute deutlich besser da als in der Vergangenheit. Die Zinslast ist gemessen an der Wirtschaftsleistung gefallen. Schelling muss auch deutlich weniger seiner Einnahmen für den Schuldendienst aufwenden. Noch 2005 wurden zwölf Prozent der Steuereinnahmen für Zinszahlungen ausgegeben. Für heuer rechnet das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo mit 7,9 Prozent, 2020 sollen es gar nur mehr 6,1 Prozent sein.

Bedeutet dies, in der Schuldenfrage gibt es für Österreich totale Entwarnung? Nein, sagt Wifo-Ökonomin Margit Schratzenstaller. Was nicht geboten sei, wäre eine "Dramatisierung der der- zeitigen Verschuldenssituation". Anders als andere EU-Länder sei Österreich nicht zum Schuldenabbau um jeden Preis gezwungen, das Land habe "gewisse Spielräume für unerwartete Ereignisse".

An der geplanten Reduktion des Schuldenberges über die kommenden Jahre sollte man aber festhalten. Auch von einem größeren Paket zur Belebung der Konjunktur auf Kredit hält Schratzenstaller wenig. Hauptverantwortlich für die aktuelle Entwicklung ist die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Banker in Frankfurt kaufen am Markt Staatsanleihen auf und drücken damit die Renditen.

Gut abgesichert

Österreich ist gegen einen plötzlichen Anstieg der Zinsen zwar gut abgesichert, weil mehr als 90 Prozent der Anleihen mit einem fixen Zinssatz begeben worden sind. Aber sollte die EZB ihre Politik ändern, wird das mittelfristig für Österreich deutlich teurer, so Schratzenstaller. Hinzu kommt, dass eine plötzliche Abkehr vom Pfad zum Schuldenabbau bei Investoren nicht gut ankommen würde, sagt die Ökonomin.

Nicht spurlos am Anleihenmarkt vorbeigegangen sind übrigens auch die Diskussionen um den Brexit. Die Angst vor einem Austritt Großbritanniens hat in der vergangenen Woche dafür gesorgt, dass viele Investoren die als besonders sicher geltenden deutschen Staatsanleihen nachgefragt haben. Deshalb ist in der Bundesrepublik sogar erstmals die Rendite zehnjähriger Papiere zwischenzeitlich in den negativen Bereich gerutscht.

Für Österreich erwartet Krizan eine solche Entwicklung bei den zehnjährigen Schuldscheinen nicht. Nachsatz: Bei einem tatsächlichen Austritt Großbritanniens aus der EU könnte selbst das geschehen. (András Szigetvari, 23.6.2016)

  • Die Niedrigzinspolitik der EZB (im Bild die Zentrale in Frankfurt) freut Staaten, setzt aber Anlegern wie Pensionsfonds zu, weil sie mit sicheren Staatsanleihen kein Geld mehr verdienen können.
    foto: afp

    Die Niedrigzinspolitik der EZB (im Bild die Zentrale in Frankfurt) freut Staaten, setzt aber Anlegern wie Pensionsfonds zu, weil sie mit sicheren Staatsanleihen kein Geld mehr verdienen können.

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