Windtner im Pech

Kolumne22. Juni 2016, 16:26
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Leo Windtner hat in Paris praktisch alles, Identität inklusive, verloren. Ein paar Visitenkarten sind ihm geblieben, okay, das Smartphone haben sie ihm auch gelassen. Es steckte in der Innentasche des Sakkos. Dorthin hätten auch Matchkarte, Reisepass, Führerschein, Bargeld und Kreditkarten gehört. Aber nein, der Herr Verbandspräsident hatte es vorgezogen, sich ein Tascherl umzuhängen. Er speiste in Notre Dame, musste zwischendurch die Toilette aufsuchen. Und ließ das Tascherl auf dem Tisch liegen. Weg war es. Ist man nicht Windtner, wäre das fatal gewesen. Er kennt nämlich Gott und auch die Welt, schläft in der ÖFB-Botschaft, die übrigens ein Schloss ist. Er hat dort warmes Essen und kaltes Trinken, die Uefa hat ihrem Mitglied ein Ersatzehrenticket ausgehändigt. Unsereiner hätte sich brausen gehen können. Jeder Sicherheitsbeamte hätte beim Vorweis einer Visitenkarte einen Lachkrampf bekommen oder gleich geschossen. Unsereiner hat in Paris ein Hotel für zwei Nächte gebucht und im Voraus bezahlt. Man kommt um Mitternacht in die Drei-Sterne-Absteige, aber es gibt nicht einmal ein unbezahltes freies Zimmer.

Der Rezeptionistin ist die Sache peinlich. "Morgen haben wir eines." Sie sucht nach einem Ersatz für die erste Nacht, nach 23 Telefonaten wird sie fündig. Unsereiner tobt. Mit dem Taxi dort angelangt, wird er milde. Vor dem Hotel parkt der isländische Teambus, es ist fast ein Palast. Die Rückübersiedlung ins im Voraus bezahlte Quartier führte zur Depression. Das Zimmer, ein leichter Verstoß gegen die Menschenrechte. Immerhin war man zumindest eine Nacht lang glücklich. Leo Windtner hingegen hat daheim in Linz mühsame Amtswege vor sich. (Christian Hackl, 22.6.2016)

  • Artikelbild
    foto: apa/robert jaeger
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