"The Neon Demon": Zum Fressen zu schön

22. Juni 2016, 17:00
13 Postings

Im Film von Nicolas Winding Refn ist das Geschäft mit der Schönheit als stylisher Horrorfilm inszeniert. Der dänische Regisseur meint es ernst mit "radical chic". Das Ergebnis ist eher unfreiwillig komisch

Wien – Kaum tritt Jesse (Elle Fanning) nach vorn, können die anderen einpacken. Den Talentscouts verschlägt es die Sprache, bei ihrer Model-Konkurrenz blitzt der blanke Neid in den Augen. Sie habe "... the thing", erkannte schon ihre Agentin (Christina Hendricks). Unschuldige 16 Jahre alt, kommt Jesse aus der Provinz nach Los Angeles, um Karriere in der Modebranche zu machen.

foto: thimfilm
Noch bevor ihr jemand nach dem Leben trachtet, wird Model Jesse (Elle Fanning) in "The Neon Demon" schon blutig inszeniert.

Ist sie die eine unter Abertausenden mit dem Zeug zum Starmodel? Ein arrivierter Fotograf schenkt ihr gleich eine Gratisprivatsession. Er jagt alle anderen aus dem Studio, entkleidet das Mädchen genüsslich und färbt sie eigenhändig golden ein. Eine Szene, die in ihrer sexuellen Metaphorik nicht gerade zurückhaltend vorgeht.

Doch an Diskretion und Uneindeutigkeit ist Nicolas Winding Refn in The Neon Demon grundsätzlich nicht interessiert. Jesse stellt er mit jeder seiner monochrom ausgeleuchteten Einstellungen als das einzige Schöne einer Welt aus, in der alles andere künstlich ist. Das ist natürlich auch nur der Effekt einer Blendung. Doch während ihre Kolleginnen ihre Körper "in shape" bringen müssen, also nachhelfen mit Fitness, Diäten oder plastischer Chirurgie, wirkt sie wie eine süße Laune der Natur. Neben ihr sehen die anderen schal, vulgär, aufgedonnert aus, auch etwas verbittert in ihrem Eifer.

thimfilm filmverleih
Trailer (deutsch).

Nein, Supermodels sind keine ausgeglichenen Menschen. Wer das vermutet hat, kommt in dem Film des dänischen Provokateurs gar nicht mehr aus dem Staunen heraus. The Neon Demon schimmert von außen noch wie ein Popjuwel. Hinter der glänzenden Oberfläche, die von Cliff Martinez' Soundtrack und strengen Farbgeometrien bewegt wird, lauern jedoch nur halbgare Ideen. Das gerät bei aller Stilisierung zu durchsichtig, manchmal auch richtig lächerlich. So sucht sich die naive Jesse das düsterste Motel von L.A. aus, das von einem gewaltbereiten Spinner (Keanu Reeves) geleitet wird. Nekrophilie und Kannibalismus warten am anderen Ende der Karriereleiter.

Leichte Beute

In seinen besseren Filmen, dem Gefängnisausbruchsmarathon Bronson oder dem halluzinatorischen Wikingerdrama Valhalla Rising, hat Refn Genrewelten kreiert, in denen man sich mit Vergnügen verlieren konnte. Mittlerweile gehorcht der Däne nur mehr einer einseitigen Aufmerksamkeitsökonomie. Als von Festivals protegierter "auteur maudit" pfeift er auf erzählerische Kohärenz – er komme schließlich aus der Zukunft, wie er in Cannes anmerkte. Dort greift man allerdings immer noch auf bewährte Rezepte des Horrorfilms zurück, um die Verdorbenheit der Welt zu untermauern.

iconfilmdistribution
Trailer (englisch).

Die erste Hälfte des Films ist noch im Modus eines kopflosen Thrillers gehalten, der zahlreiche Bedrohungsmotive einstreut, die Jesse als leichte Beute markieren sollen. Später wird vor allem die Analogie zu Dario Argentos Klassiker Suspiria auffällig. Gigi (Bella Heathcoat) und Sarah (Abbey Lee), die beiden verbissensten Kontrahentinnen Jesses, schrecken in ihrem Hunger nach ewiger Jugend vor nichts zurück. Dies beschert The Neon Demon immerhin eine ambivalente Szene, deren Geschmacklosigkeit eine resche Pointe hat.

Überhaupt tritt die satirische Seite des Films umso stärker hervor, je deutlicher Refn die drastischen Absichten der Figuren kenntlich macht. Zu spät, um den Film noch herumzureißen. Er ist selbst viel zu angefixt von seiner Edeltrash-Optik, um am Ende die Ästhetisierung mit einem ironischen Manöver zu entlarven. (Dominik Kamalzadeh, 22.6.2016)

Ab Freitag, 24.6. im Kino

Share if you care.