Krankenhausmorde: Deutschem Pfleger weitere Taten zugerechnet

22. Juni 2016, 11:29
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Bei neuen Exhumierungen wurden Rückstände eines Herzmedikaments nachgewiesen. Der Verurteilte gestand auch Tötungen in einem Spital in Oldenburg

Oldenburg – Der deutsche Krankenpfleger Niels H. hat nach Überzeugung der Ermittler weit mehr Menschen getötet als bisher bekannt. Bei 27 von 99 exhumierten ehemaligen Patienten des Klinikums Delmenhorst wurden Rückstände eines Herzmedikaments entdeckt. Insgesamt gehen die Ermittler nun davon aus, dass Niels H. für mindestens 33 Todesfälle im ehemaligen städtischen Krankenhaus Delmenhorst verantwortlich ist.

Bei 27 Verstorbenen konnte der Wirkstoff "Ajmalin" des Medikaments "Gilurytmal" festgestellt werden, hieß es am Mittwoch bei einer Pressekonferenz. Der Ex-Pfleger brachte Patienten laut den Ermittlern mit einer Überdosis absichtlich in einen "reanimationspflichtigen Zustand", um anschließend bei der Reanimierung seine Fähigkeiten zu beweisen. Viele überlebten diese Notmaßnahme nicht. Ob er auch andere Substanzen nutzte, wird noch geprüft.

Diese 27 zusätzlichen Tötungshandlungen habe Niels H. gestanden, erklärten die Ermittler am Mittwoch. Wegen weiterer sechs Fälle war er 2015 vom Landgericht Oldenburg bereits zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Entgegen früherer Behauptungen gestand der heute 39-Jährige nun, auch an seinem früheren Arbeitsplatz in Oldenburg mehrere Patienten mittels einer Kaliuminjektionen getötet zu haben. "Wie viele Patienten Opfer in Oldenburg waren, können wir derzeit nicht sagen", sagte Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann. Es bestehe dringender Tatverdacht in sechs Fällen, davon in vier Fällen wegen Kaliumvergiftung.

Sonderkommission "Kardio"

Niels H. dürfte damit in den Jahren 2002 bis 2005 eine der größten Mordserien der deutschen Nachkriegsgeschichte begangen haben. 2006 war der sogenannte "Todespfleger" von Sonthofen zu lebenslanger Haft verurteilt worden – nach Überzeugung der Richter hatte er 28 meist alte und zum Teil schwer kranke Patienten zu Tode gespritzt.

Polizeichef Johann Kühme sprach den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus und dankte ihnen, dass sie die notwendigen Exhumierungen ertragen hätten. Niels H. habe durch seine "grauenhaften Taten" auch dafür gesorgt, dass ein ganzer Berufsstand in Verdacht geraten sei. "Und das ist nur einer von vielen tragischen Aspekten."

Die Polizei hatte vor rund eineinhalb Jahren die Soko "Kardio" ins Leben gerufen, die sich mit dem Fall befasst. Ermittlungen laufen auch gegen Klinikverantwortliche in Delmenhorst und Oldenburg wegen des Verdachts des Totschlags durch Unterlassen.

Niels H. soll nach dem Willen der Ermittler ein weiteres Mal vor Gericht: "Es wird natürlich eine weitere Anklage geben", betonte Schiereck-Bohlmann. Das Verfahren werde alle Taten umfassen, die Niels H. noch nachgewiesen werden könnten. "Die rechtliche Konsequenz wird am Ende dieselbe sein: Lebenslänglich und besondere Schwere der Schuld. Daran wird sich nichts ändern."

Die Ermittlungen werden sich vermutlich noch bis ins nächste Jahr hinziehen: "Die Ermittlungen dauern so lange, bis wir das unselige Wirken des Niels H. komplett aufgeklärt haben", sagte der stellvertretende Leiter der Oldenburger Staatsanwaltschaft, Thomas Sander. Es werde "jeder Stein umgedreht". (APA, dpa, 22.6.2016)

Chronologie

In mehreren europäischen Ländern wurden in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ähnliche Fälle aufgedeckt:

Österreich, 1989: Das Wiener Krankenhaus Lainz erlangt durch eine Mordserie traurige Berühmtheit. Vier Krankenschwestern werden insgesamt 42 Tötungsdelikte an betagten, bettlägerigen und ihnen lästigen Patienten vorgeworfen. Den beiden Hauptbeschuldigten können schließlich 20 Morde und 19 Mordversuche nachgewiesen werden. Sie werden 1991 zu lebenslanger Haft verurteilt und 2008 bedingt entlassen.

Niederlande, 2004: Wegen Mordes an sieben Patienten muss eine Krankenschwester lebenslang hinter Gitter. Sie hatte Alte und Kinder in Den Haag mit überdosierten Medikamenten getötet.

Deutschland, 2006: Der sogenannte "Todespfleger" von Sonthofen muss lebenslang ins Gefängnis. Nach Überzeugung der Richter hat der Mann 28 meist alte und zum Teil schwer kranke Patienten zu Tode gespritzt.

Deutschland, 2007: Wegen fünffachen Mordes an schwer kranken Patienten wird eine Ex-Krankenschwester der Berliner Charite zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie brachte ihre Opfer mit Medikamenten um.

Tschechien, 2008: Wegen siebenfachen Mordes wird ein Krankenpfleger zu lebenslanger Haft verurteilt. In einem ostböhmischen Krankenhaus hatte er Patienten mit einem Blutverdünnungsmittel zu Tode gespritzt.

Großbritannien, 2015: Ein Krankenpfleger muss wegen Mordes für mindestens 35 Jahre ins Gefängnis. Er hatte Patienten nahe Manchester mit einer Überdosis Insulin getötet.

Italien, 2016: Ein Krankenschwester wird festgenommen, weil sie im einem Krankenhaus in der Toskana 13 Menschen vorsätzlich getötet haben soll. Die Frau spritze laut Polizei 2014 und 2015 den Patienten einer Intensivstation erhöhte Dosen eines Medikamentes. (dpa)

  • Der Verurteilte beim ursprünglichen Prozess im Dezember 2014.
    foto: ingo wagner/dpa

    Der Verurteilte beim ursprünglichen Prozess im Dezember 2014.

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