Die Franzosen liebäugeln mit dem Brexit

22. Juni 2016, 13:09
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Das offizielle Frankreich wünscht sich einen Verbleib – Aber einige Politiker und Ökonomen sähen durchaus Vorteile eines Brexits für Frankreich

"Britische Freunde", bleibt!

Natürlich wünscht Frankreich, dass die "britischen Freunde" in der Familie bleiben; natürlich wäre alles andere ein "Unglück". So lautet in Paris der offizielle Diskurs von Präsident François Hollande bis Oppositionschef Nicolas Sarkozy. Gerade leidenschaftlich legen sich die Franzosen aber nicht ins Zeug. Ihre auffällige Zurückhaltung in der Brexit-Debatte wird zum Teil damit erklärt, dass jeder französische Aufruf an die englischen Wähler "im besten Fall eine begrenzte Wirkung hätte, im schlechtesten Fall sogar kontraproduktiv wäre", laut Harlem Désir, Staatssekretär für europäische Fragen.

Aber so richtig will man ihm das nicht abnehmen. Die Franzosen waren noch nie sehr anglophil. Schließlich nennen sie den englischen Erzfeind seit dem 18. Jahrhundert das "perfide Albion". Das geflügelte Wort äußerte sich auch 1963 im Veto von Charles de Gaulle gegen die Aufnahme Englands in den europäischen Binnenmarkt. Noch heute sehen viele Franzosen die Briten als trojanisches Pferd der angelsächsischen Finanzindustrie in der EU. Laut einer vergleichenden Studie der Universität Edinburgh sind 44 Prozent Franzosen für den Brexit – weit mehr als Schweden, Deutsche, Polen, Spanien oder Iren. Auf die Frage, ob der Brexit Angst mache, antworteten 56 Prozent der Deutschen mit Ja, aber nicht einmal die Hälfte der Franzosen (27 Prozent).

foto: epa
Charles de Gaulle war gegen die Aufnahme Englands in den europäischen Binnenmarkt.

Briten als Brems- oder Störfaktor

Nimmt man alle Umfragen der letzten Wochen zum Nennwert, wünscht immerhin eine Mehrheit der Franzosen keinen Brexit. Der andauernd hohe Anteil der Befürworter rührt von einer unheiligen Allianz: Die leidenschaftlichsten Proeuropäer – wie etwa Harlem Désir – halten die Briten meist nur für einen Brems- oder Störfaktor der europäischen Integration. Die EU-Gegner sehnen den Brexit herbei, weil er unweigerlich die Frage nach dem französischen Verbleib in der EU aufwerfen würde. Die Rechtsextremistin Marine Le Pen verlangt dazu in allen EU-Ländern Volksabstimmungen. "Frankreich hätte vielleicht fünf Mal so viel Grund wie die Engländer, die Europäische Union zu verlassen", meinte sie unlängst in Wien.

Auch ökonomische Argumente für den Brexit sind in Paris auffällig verbreitet. Häufig hört man, der Finanzplatz Paris würde profitieren, wenn die Londoner City aus dem EU-Raum ausscheide. Claude Mosseri-Marlio, Ex-Wirtschaftsprofessor in Oxford und Harvard, sieht im Brexit aber nicht nur deshalb "eine Chance für Frankreich". Er verweist auf die Privatbank HSBC, die erklärt habe, sie könnte in diesem Fall tausend Angestellte von London nach Paris verlegen. Auch multinationale Firmen könnten ihren Sitz an die Seine verlegen und dort stärker investieren, meint der ehemalige Industrielle. Außerdem bliebe Frankreich ohne Großbritannien die einzige Atommacht in der EU, und auch die französische Sprache würde aufgewertet, schätzt Mosseri-Marlio: "Der Brexit würde Frankreich erlauben, seine Ausstrahlung auf europäischer unter internationaler Ebene zu vergrößern."

foto: afp/halle´n
Die City of London – der größte Finanzhandelsplatz der Welt.

Nur leicht geringeres Wachstum

Der Internationale Währungsfonds schätzt die Wachstumseinbuße bei einem Brexit für Frankreich zwar nur auf 0,2 bis 0,4 Prozent. Ärmelkanalanrainer wie Belgien oder Holland wären härter getroffen als Frankreich, das nur zwei Prozent seiner Produkte ins Inselkönigkreich exportiert. Vincent Juvyns von JP Morgan AM prophezeit für den Brexit-Fall sogar eine "positive Wirkung auf die ökonomische Integration der EU". Christopher Dembik von der Saxo Bank denkt, dass die französischen Banken nach einer zumindest vorübergehenden Schwächung der britischen Banken "ihre Marktanteile erhöhen" könnten.

Der bekannte Ökonom Marc Touati entgegnet, das sei pures Wunschdenken: "Welcher Unternehmer wäre verrückt genug, seinen Firmensitz in einer steuerlichen und reglementarischen Hölle (wie Frankreich, Red.) anzusiedeln, wenn er ganz in der Nähe über Finanzsparadiese wie Luxemburg oder Irland verfügt?" Paris solle auch nicht davon träumen, den Finanzplatz London zu "beerben", meint Touati: "Die City hat sich dank der Nichtbeteiligung am Euro verstärkt, und auch einen Brexit würde sie gut überstehen." (22.6.2016)

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