"Sunspring": Künstliche Intelligenz schreibt verwirrenden Sci-Fi-Film

21. Juni 2016, 18:08
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Augapfel-hochwürgender Mann in Dreiecksbeziehung – Algorithmus lernte aus anderen Drehbüchern

Die zwischen Genie und Wahnsinn pendelnden Fähigkeiten künstlicher Intelligenzen kennen viele Spieler nur zur Genüge. Doch seit die Tiberiumsammler des ersten "Command & Conquer" völlig unbeeindruckt Abkürzungen durch die gegnerische Basis nahmen, ist viel Zeit vergangen. Aus statischer KI mit limitiertem Repertoire werden zunehmend selbstlernende Systeme, die auf digitalen neuronalen Netzen nach dem Prinzip des menschlichen Hirns setzen.

Die junge Technologie, die bereits für Zwecke wie Sprach- und Bilderkennung oder E-Mail-Filterung zum Einsatz kommt, streckt ihre Fühler in immer neue Tätigkeitsbereiche aus. Auch im künstlerischen Bereich gibt es immer wieder interessante Experimente. Im Januar ließ ein experimentierfreudiger Programmierer Googles Tensorflow Drehbücher auf Basis der Serie "Friends" schreiben. Nun hat eine KI einen kompletten Science-Fiction-Kurzfilm geschrieben, der für einen Wettbewerb auch auf die Leinwand gebracht wurde: "Sunspring" heißt das Werk.

Lernen von "Star Trek" und "X-Men"

Der Algorithmus, er gab sich selbst den Namen "Benjamin", erhielt dabei eine Reihe von Vorlagen, um die Kunst der futuristischen Erzählung zu erlernen. So wurde er etwa mit den Drehbüchern von Filmen und Serien von "Armaggeddon" über "Star Trek" bis "X-Men" gefüttert. Schließlich erhielt das System eine Reihe Zufallskriterien, die einem Sci-Fi-Filmwettbewerb entnommen waren.

Herausgekommen ist ein achtminütiges Werk, professionell umgesetzt vom Filmemacher Oscar Sharp. Als Zuseher jedoch mag man aus der Handlung nicht so recht schlau werden.

Grundsätzlich dreht sich der Film um einen Mann, der augenscheinlich in einer Art Dreiecksbeziehung auf einem Raumschiff steckt und zu Beginn des Films einen Augapfel hochwürgt. Doch obwohl auch die meisten Dialoge selbst unter hoher philisophischer Anstrengung nicht so recht Sinn ergeben wollen, vermag das Werk auf seine ganz eigene Art zu fesseln.

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Mit eigenem Song

Die Filmcrew selbst sah sich auch mit der einen oder anderen kreativen Aufgabe konfrontiert, die das Drehbuch ihnen stellte. Denn dieses beinhaltete Szenenbeschreibungen wie "er stand in den Sternen und saß am Boden." Als besondere Draufgabe gibt es zu "Sunspring" auch einen eigenen Song, dessen Text "Benjamin" nach dem Auswerten von 30.000 Popsongs kreiert hat.

Beim Sci-Fi Festival in London landete der Streifen in den Top Ten, wobei ein Juror scherzhaft anmerkte, er würde dem Werk Bestnoten geben, wenn die Macher versprechen, so etwas nie wieder zu tun. Diese stifteten bei der finalen Online-Abstimmung die KI wiederum dazu an, für sich selbst zu stimmen, berichtet Ars Technica. "Benjamin" durfte daraufhin der Jury live auf Interviewfragen antworten, wobei die KI sich bei der Gelegenheit auch ihren Namen verpasste.

Texterkennungs-KI

Regisseur Sharp und sein Helfer Ross Goodwin sind schon länger fasziniert von künstlichen Intelligenzen. Hinter Benjamin steckt ein sogenanntes "Long Short-Term Memory"-Network (LSTM). Diese kommen vorwiegend oft für Texterkennung zum Einsatz. Die KI zerlegt Texte bis in ihre einzelnen Buchstaben und lernt dabei, welche Zeichen, Worte und Sätze oft aufeinander folgen. Auf Basis dieses Vorgehens ist sie besonders effizient darin, längere Textpassagen vorherzusagen.

Es dürfte jedenfalls nicht das letzte filmische Experiment mit Computerunterstützung gewesen sein. Bis zu einer maschinellen Neuinterpretation von "Game of Thrones" dürfte der Weg nicht mehr all zu weit sein. (gpi, 21.06.2016)

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