Rupprechter: "Erdbeeren aus Südafrika sind nicht notwendig"

Interview22. Juni 2016, 11:00
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Umweltminister Andrä Rupprechter und der Sozialpsychologe Harald Welzer plädieren in der Klimadiskussion für mehr Eigenverantwortung der Menschen

Nach der Euphorie um den im Dezember erreichten Durchbruch bei den Verhandlungen über ein Weltklimaabkommen ist es wieder ruhig geworden, zu ruhig, wie manche sagen. Denn nun geht es um die Ausgestaltung der Details und darum, wie viel jeder Staat bereit ist, durch mitunter auch schmerzhafte Maßnahmen zur Eindämmung der Erderwärmung beizutragen.

Appelle an die Vernunft bringen wenig, meint der deutsche Sozialpsychologe Harald Welzer. Viel wichtiger seien praktische Erfahrungen, die Menschen mit einer nachhaltigen, umweltschonenden Lebensweise machen. Umweltminister Andrä Rupprechter (ÖVP), der Welzer als Gastredner zu einer Klimaaktiv-Konferenz nach Wien geladen hat, will weniger Verordnungen und Gesetze. Er traut den Menschen zu, selbst die richtige Entscheidung zu treffen.

STANDARD: Es war keine einfache Übung, im Dezember ein Weltklimaabkommen in Paris hinzubekommen. Nun muss das noch ratifiziert werden. Wann wird es in Österreich so weit sein?

Rupprechter: Ich bin guter Hoffnung, dass wir das noch vor dem Sommer über die Bühne bringen. Wir haben das vergangene Woche in der Regierung verabschiedet und dem Parlament zugewiesen. Am Mittwoch wird die Sache im Umweltausschuss behandelt. Die Voraussetzungen sind also gegeben, dass wir das noch vor dem Sommer ratifizieren können. Wir sind damit das dritte EU-Mitgliedsland nach Ungarn und Frankreich.

STANDARD: Damit das Abkommen in Kraft treten kann, müssen zumindest 55 Staaten, die für 55 Prozent des weltweiten Treibhausgasausstoßes stehen, ratifiziert haben. Geht sich das heuer noch aus?

Rupprechter: Ich bin guter Dinge. Allein die Tatsache, dass US-Präsident Barack Obama das Vertragswerk ratifizieren und in Kraft setzen wird, ist ein großer Fortschritt. Damit ist einer der größten Treibhausgasemittenten mit an Bord. Auch aus China gibt es die Zusicherung, noch heuer zu ratifizieren.

STANDARD: Und Obama bekommt es noch hin vor seinem Abtritt von der Politbühne, bevor möglicherweise ein künftiger Präsident Donald Trump, ein ausgewiesener Klimaskeptiker, den Rückwärtsgang einlegt?

Rupprechter: Die Materie muss nicht durch den US-Kongress, die Sache kann mit Präsidialrecht umgesetzt werden. Auch in der EU geht etwas weiter. Am Montag haben alle 28 Mitgliedsstaaten auf Initiative der niederländischen Ratspräsidentschaft beschlossen, dass die EU als eigene Vertragspartei sehr schnell ratifizieren soll. Die Kommission hat bereits einen Vorschlag für den Ratifikationsbeschluss vorgelegt, das kann nun sehr rasch geschehen.

STANDARD: So steinig der Weg zum Klimaschutzabkommen auch war – wird der Weg erst jetzt so richtig steil, wenn die einzelnen Nationen liefern müssen?

Rupprechter: Dafür haben wir in Österreich einen Prozess zur Erarbeitung einer integrierten Klima- und Energiestrategie über die vier Ressorts Wirtschaft, Umwelt, Soziales und Verkehr hinweg gestartet. Das läuft jetzt.

STANDARD: Bis wann?

Rupprechter: Ich gehe davon aus, dass wir im Frühjahr nächsten Jahres das Weißbuch mit konkreten Maßnahmen haben, die dann umgesetzt werden müssen, um unsere Energie-, Klima- und Mobilitätsziele bis 2030 zu erreichen.

STANDARD: Es gibt eine klare Mehrheit der Leute, die sagen, wir müssen etwas machen gegen den Klimawandel, weil die Folgen des Nichtstuns katastrophal wären für unsere Kinder und Kindeskinder. Wenn es an die Umsetzung geht, dann heißt es oft, nicht bei mir. Was läuft da falsch?

Welzer: Es läuft zunächst einmal falsch, dass man glaubt, das Bewusstsein habe grundsätzlich etwas mit Handeln zu tun. Wir handeln nicht ausschließlich rational, sondern sind beeinflusst durch die Welt, in der wir leben. Vieles ist durch Infrastrukturen und Bedingungen voreingestellt.

STANDARD: Zum Beispiel?

Welzer: Steht ein Elternteil etwa vor der Aufgabe, den Sprössling in den Kindergarten zu bringen, sind Sicherheit, Bequemlichkeit, Schnelligkeit mögliche Kriterien. Dann entscheidet man sich für die Anschaffung eines SUVs, weil das Kind damit supersicher transportiert werden kann. Bequem ist es zudem, und schnell geht es in der Regel auch. Abends gibt es dann vielleicht eine Sendung über den Klimawandel, und derselbe Mann oder dieselbe Frau sagt sich, das ist ja fürchterlich, was passiert. Die Verbindung zwischen der lebenspraktischen Handlung und der abstrakten Information wird gar nicht hergestellt. Das ist das absolut große Problem.

STANDARD: Warum ist das so?

Welzer: Weil wir genau diese Widersprüchlichkeit auch gesamtgesellschaftlich praktizieren. Auf der einen Seite sagt man, speziell in Deutschland, wir brauchen eine Autoindustrie, die stark wächst, brauchen Autobahnen und, und, und. Dann sind plötzlich all diese Bedingungen für ein Florieren der Autoindustrie gegeben, sodass die individuellen Entscheidungen genauso ausfallen wie sie ausfallen.

STANDARD: Minister Rupprechter ist in gewisser Weise auch ein Getriebener von gesellschaftlichen Phänomenen, andererseits aber auch in der Position, Rahmenbedingungen zu setzen. Hätten Sie, Herr Welzer, eine Handlungsanleitung für Politiker, wie sie die Kommunikation mit den Wählern besser gestalten könnten?

Welzer: Das ist ein schwieriges Unterfangen. Was ich wichtig finde, ist, dass man viel stärker auf die Eigenverantwortung, die Selbstgestaltung und autonome Steuerung des Lebens und der Gesellschaft setzen sollte. Politiker unterliegen häufig dem Missverständnis, von ihnen werde erwartet, dass sie wissen, wo es langgeht, und dass die dauernd liefern müssen. Das ist eine verhängnisvolle Geschichte, denn so funktioniert Demokratie nicht, auch gesellschaftliche Modernisierung nicht. Gesellschaftliche Modernisierung ist ein Prozess, der von unten kommt. Wir sind in einer Entwicklung, wo den Menschen immer mehr abgenommen wird. Dazu trägt in meinen Augen auch die Digitalisierung sehr viel bei. Das ist bedenklich.

Rupprechter: Das kann ich unterstreichen, mit Eigenverantwortung kann man sehr viel bewegen. Es ist den Menschen zumutbar, etwas selbst zu tun. Wenn sie einkaufen gehen, können sie bewusst darauf achten, was sie in den Einkaufskorb legen. Erdbeeren aus Südafrika – das ist nicht notwendig. Allein bei diesen alltäglichen Entscheidungen kann man viel beitragen zum Klimaschutz. Ich wehre mich dagegen, alles mit Verordnungen und Gesetzen zu regeln.

STANDARD: Kann es sein, dass wir falsche Preissignale haben?

Rupprechter: Natürlich haben wir eine Verzerrung. Bei den niedrigen Rohöl- und Strompreisen aufgrund von Braunkohleverstromung investiert niemand mehr in Wasserkraftwerke, weil es nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Da ist die Politik gefordert einzugreifen.

Welzer: Es gibt unendlich viele Initiativen, die vormachen, wie wir einen Richtungswechsel hinbekommen. Das geht nur auf der praktischen Ebene, das Bewusstsein wird in meinen Augen überbewertet. Wenn Menschen eine praktische Erfahrung machen, wie sie Dinge umgestalten und dabei besser leben oder wirtschaften können, dann sind das meistens Dinge, die sie gern weitererzählen und die man auch gern hört. Deshalb haben solche Sachen eine viel stärkere Wirkung, viel mehr als Diagramme herzuzeigen über die Entwicklung der CO2-Emissionen, das ist zu abstrakt. Wir haben ein Riesenproblem mit den externalisierten Kosten, unser ganzer wirtschaftlicher Stoffwechsel basiert ja darauf, dass wir nicht die wahren Preise im Markt haben, sondern falsche, wo keine Umweltschäden eingerechnet sind.

STANDARD: Ist nachhaltiges Leben in Zeiten der Globalisierung überhaupt möglich?

Welzer: Ich glaube schon, Globalisierung ist ein jahrtausendealter Prozess und keine Erfindung des 21. Jahrhundert. Neu ist, dass sich ein grundlegendes Wirtschaftskonzept, die kapitalistische Wachstumswirtschaft, globalisiert hat. Das macht uns heute diese großen Probleme. Wenn man über strenge Nachhaltigkeit nachdenkt, muss man auch über Wohlstandsreduktion in den reichen Ländern und über andere Verteilungsformen und die Internalisierung von Kosten reden.

STANDARD: Ein weiteres Problem ist der Zeitdruck, was das Setzen effektiver Maßnahmen gegen den Klimawandel betrifft. Zwischen 2025 und 2030, sagen Wissenschafter, ist das globale Emissionsbudget für eine Temperaturobergrenze von maximal 1,5 Grad aufgebraucht.

Rupprechter: Ich sehe das nicht so negativ, in Wirklichkeit ist die Dekarbonisierung der Gesellschaft ein Selbstläufer.

STANDARD: Wie das?

Rupprechter: Weil es sich in Zukunft auszahlen wird, in Energieformen zu investieren, die erneuerbar und nachhaltig sind, weil es letztlich auch die Wertschöpfung im Land hält. Wir importieren derzeit Energie im Ausmaß von 13 Milliarden pro Jahr. Diese Energie können wir im Land erzeugen, das entlastet die Handelsbilanz und macht Sinn. Wir müssen den Rahmen so setzen, dass sich dieser Selbstläufer noch stärker entwickelt.

STANDARD: Im Moment wird ja so gut wie nichts investiert – wegen der Preissituation auf den Energiemärkten. Nicht einmal in Wasserkraft lohnt es sich zu investieren wegen der tiefen Strompreise, und auch die Windkrafterzeuger stehen an.

Rupprechter: Wir brauchen dringend eine große Novelle zum Ökostromgesetz, um den Rahmen so zu setzen, dass wieder investiert wird in erneuerbare Energien. Das betrifft die Wasserkraft genauso wie Wind, Fotovoltaik oder Geothermie. Unser Ziel ist es, bis 2030 100 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren zu haben.

STANDARD: Gerade in Ihrer Heimat Deutschland, Herr Welzer, gibt es eine steigende Skepsis, ob die propagierte Energiewende zu schaffen sein wird.

Welzer: Wir haben starke Partikularinteressen, eine machtvolle Autoindustrie, die dagegenhält. Wir hatten auch die großen Energieanbieter, die kein Interesse an der Energiewende hatten. Das ist etwas, das einen langen Atem verlangt. Die größere Problematik ist die Landschaftsbeeinträchtigung durch Windkraftanlagen, gerade in Brandenburg regt sich zunehmender Widerstand.

STANDARD: Wie soll es weitergehen?

Welzer: Man muss stärker darauf achten, wie man auch Reduktionen im Konsum hinbekommt. Die Autoindustrie ist nicht interessiert, weniger Autos zu verkaufen. Sie wird sich neu erfinden müssen – als Mobilitätsdienstleister. Wir haben als reiche Gesellschaften mit hoher technologischer, aber auch kultureller Kompetenz die Möglichkeit, viel intensiver und grundsätzlicher umzusteuern, als dies andere Regionen können. Der Mainstream bei uns ist aber noch immer auf mehr Konsum abgestellt.

Rupprechter: Wir leben in einer Transformationsgesellschaft, ohne innovative Industrie wird es nicht gehen. Wir müssen in Europa aufpassen, dass uns nicht andere Regionen auf der Welt den Rang ablaufen. (Günther Strobl, 22.6.2016)

Andrä Rupprechter (55) ist Minister für Landwirtschaft und Umwelt. Davor war der verheiratete Vater von vier Kindern und stolze Tiroler als hoher Beamter im Landwirtschaftsministerium in Wien und in Brüssel tätig.

Harald Welzig (57) ist ein deutscher Soziologe und Sozialpsychologe. Er ist Autor zahlreicher Bücher (unter anderem "Klimakriege") sowie Mitbegründer und Direktor der gemeinnützigen Stiftung Futurzwei.

  • Umweltminister Andrä Rupprechter (li.) und Sozialpsychologe Harald Welzer vor einem Bild des Tiroler Malers Max Weiler. Das Werk sei lange Zeit in einem dem Bund gehörenden Depot gehangen, bevor er es in sein Büro am Wiener Stubenring habe bringen lassen. "Mein Lieblingsmaler", sagt Rupprechter, der Tiroler.
    foto: bmlfuw/fuchs

    Umweltminister Andrä Rupprechter (li.) und Sozialpsychologe Harald Welzer vor einem Bild des Tiroler Malers Max Weiler. Das Werk sei lange Zeit in einem dem Bund gehörenden Depot gehangen, bevor er es in sein Büro am Wiener Stubenring habe bringen lassen. "Mein Lieblingsmaler", sagt Rupprechter, der Tiroler.

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