Russlands EM-Auftritt: "Parodie auf den Fußball"

21. Juni 2016, 16:34
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Russland hat nach den Ausschreitungen seiner Hooligans nicht nur eine schlechte Nachrede, es hatte in Frankreich auch eines der schlechtesten Teams. Die Schwäche der Sbornaja ist in Hinblick auf die Heim-WM 2018 bei weitem nicht das größte Problem

Toulouse – Am 11. Juni im Stade Vélodrome zu Marseille hatte Russlands Sportminister Witali Mutko noch ein Freudentänzchen hingelegt – ausgerechnet vor jener Tribüne, auf der russische Hooligans Jagd auf englische Fans gemacht hatten. Das 1:1 gegen die Three Lions sollte das einzige Erfolgserlebnis der trägen Sbornaja in Frankreich gewesen sein. Nach dem 0:3 gegen Wales, nach dem Abschied von der EURO, fand sich Mutko auf dem Boden der Tatsachen wieder: "Wir müssen uns eingestehen, dass wir derzeit keine Topspieler haben. Das Spiel der Mannschaft zeigt das echte Niveau unseres Fußballs", sagte Wladimir Putins Intimus der Nachrichtenagentur Tass.

Das ist vor allem deshalb so beklagenswert, weil am 14. Juni 2018 in Moskau die nächste Weltmeisterschaft angepfiffen wird. In Hinblick auf diesen Event, der Präsident Putin ein Herzensanliegen ist, müssten die Liga und neue Spieler gefördert werden, sagte Mutko. Auch einen neuen Teamchef wird er brauchen. Leonid Sluzki hatte unmittelbar nach dem Spiel gegen Wales seinen Rücktritt angekündigt. "Ich möchte mich bei den Fans entschuldigen", sagte der 45-Jährige. "Wenn wir es nicht geschafft haben, dann heißt das, dass der Trainer seine Aufgaben nicht erfüllt hat. Es ist hart, darüber zu sprechen, aber wir waren schlecht in jedem Bereich. Ich übernehme die volle Verantwortung."

Eine Herkulesaufgabe

Mutko prügelte nicht auf den Wolgograder ein, dessen Vertrag ohnehin nach der EM ausläuft. "Seine Reaktion ist verständlich. Er will, dass sich die Burschen nicht zu sehr selbst kritisieren", sagte der 57-Jährige, der ja auch Chef des russischen Fußballverbands ist. Sluzki scheint aber keine Lust mehr zu haben. Ein Nachfolger solle gesucht werden: "Es ist eine große Aufgabe, den russischen Fußball zu entwickeln."

Der Meistercoach von ZSKA Moskau hatte den Job als Teamchef erst im Sommer des Vorjahres nach der Entlassung des Italieners Fabio Capello übernommen. Mit vier Siegen in den letzten vier Partien der Qualifikation führte er die Sbornaja noch auf Platz zwei hinter die ungeschlagene Truppe von Marcel Koller. Sie erwies sich jedoch als bedingt EM-tauglich – wie der Gruppensieger Österreich und der -dritte Schweden auch.

Vorbild Bale

Das Echo aus der Heimat ist verheerend. "Die Mannschaft von Sluzki hat eine Parodie auf den Fußball zum Besten gegeben", schrieb die "Iswestija" und stellte den versagenden Teamspielern den Waliser Gareth Bale gegenüber: "Er ist der teuerste Spieler der Welt, aber wie er kämpft für sein Land, für seine Flagge!"

Das weit größere Problem als die aktuelle Generation russischer Teamspieler sind allerdings selbsternannte Kämpfer für die Flagge. Einer deren Anführer, Alexander Schprygin, hatte das französische EM-Sicherheitskonzept ad absurdum geführt. Der rechtsextreme Chef der russischen Fanvereinigung war in Verbindung mit den Ausschreitungen von Marseille des Landes verwiesen und in ein Flugzeug nach Moskau gesetzt worden. Am Montagabend saß er feixend im Stadium de Toulouse, ehe er erneut verhaftet wurde. Er war zuvor nach Barcelona geflogen und dann mit dem Auto wieder in Frankreich eingereist – "im Schatten der Dunkelheit", wie er selbst triumphierend twitterte. "Mein Schengenvisum ist gültig, ich habe eine Karte für das Spiel und bin legal in der EU", sagte Schprygin der Nachrichtenagentur AFP.

Sein Visum sei inzwischen einkassiert worden, ließ das Innenministerium wissen. Er werde "wahrscheinlich" in den nächsten Stunden wieder ausgewiesen. Das hatte beim ersten Mal schon glänzend funktioniert. (sid, red, 21.06.2016)

  • Ein russischer Fan nach dem Auftritt seiner Mannschaft etwas betrübt.
    foto: afp/guyot

    Ein russischer Fan nach dem Auftritt seiner Mannschaft etwas betrübt.

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