Männermodewoche: Mailänder Pfaue auf Trekkingtour

Video21. Juni 2016, 17:44
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Die Männermodewochen stehen vor dem Aus, heißt es. Angesichts dieser Prognose gaben einige Mailänder Modehäuser kräftige Lebenszeichen von sich. In der ersten Riege: Gucci, Prada, Versace. Ein Überblick in vier Abschnitten

Man kann sich auf nichts mehr verlassen. In den vergangenen Saisonen fing der frühsommerliche Modeschauenreigen in London an. Statt Hupkonzerten und Laufsteghektik herrschten dort heuer Besucherschwund und Designerebbe. Weiter ging es mit der Herrenmodemesse Pitti in Florenz, wo sich bunt gefiederte Einkäufer aus aller Welt ein Stelldichein geben. Aus der riesigen Messe ist mittlerweile ein richtiger Modeevent geworden, Karl Lagerfeld war heuer da (mit einer Ausstellung) und Raf Simons (mit einer Modeschau), man feierte den russischen Modestar Gosha Rubchinskij und natürlich auch immer ein bisschen sich selbst.

Florenz wird das neue Mailand, raunte man sich Tage später zu, als sich der Modetross vor den Mailänder Laufstegen versammelte. Hier zeigen normalerweise die italienischen Designhäuser ihre Kreationen für das kommende Frühjahr. Heuer glänzten einige große aber durch komplette Abwesenheit (Zegna und Brioni), andere (wie etwa Bottega Veneta, siehe Bild oben) sattelten von teuren Shows auf überschaubare Präsentationen um. Was ist da los? Ein Überblick über den Wandel in vier Abschnitten:

Männer vermischen sich mit Frauen

Mann oder Frau? Dass man sich diese Frage bei einer Modeschau von Vivienne Westwood stellt, überrascht nicht wirklich. Mittlerweile gehört sie auch bei anderen Designern zur Normalität. Das ist weniger Westwood als Alessandro Michele und Miuccia Prada zu verdanken. Letztere integrierte bereits vor einigen Saisonen ihre weibliche Pre-Collection in die männliche Hauptsaison, was zu Unmut, aber auch zu Nachahmern führte.

Gucci-Designer Michele wiederum arbeitet seit seinem Amtsantritt an einer Feminisierung der Männermode. Oder, wenn man so will: an der Anknüpfung an jene Zeiten, als Männer auch modisch noch richtige Gockel sein durften.

foto: apa/afp/guiseppe cacace
Nichts Neues bei Westwood: Männer in Kleidern und Bodys

Die Haare onduliert, die Finger ringbesetzt, die Strümpfe hochgezogen, und die Gewänder mit Brokat und Stickereien, Donald-Duck-Figuren und Blumenmustern versehen: Die Kollektion, die Michele diesmal in einer mit erbsengrünem Samt ausstaffierten Lagerhalle über den Laufsteg schickte, kam genauso nostalgieversessen wie aufbruchsorientiert daher.

foto: gucci
Donald Duck und Nerd-Brillen bei Gucci
derstandard.at
Die Models liefen über den mit Samt ausgelegten Laufsteg von Gucci

Michele versöhnt die Männermode mit dem Ornament – und wird in der Modewelt dafür wie ein Popstar gefeiert. Ab der kommenden Saison wird er übrigens seine Männer- und Frauenentwürfe in einer gemeinsamen Show präsentieren. Und Vivienne Westwood? Sie (bzw. ihr Mann und Co-Designer Andreas Kronthaler) zeigte eine Kollektion, in der einiges drunter und drüber ging: Männer in Bodys oder Wickelkleidern und Frauen in weiten Sakkos und Strickwesten. Falls es überhaupt immer Männer oder Frauen waren. So genau wusste das danach auch niemand.

Outdoor landet in der Stadt

Die hohe Schneiderkunst: Sie hat in Italien immer noch Gewicht. Bei Marken wie Canali (hier hielt man auch diesmal den Zweireiher hoch) und Etro (pyjamaartig weiche Anzüge) gehört sie zur DNA des Hauses, viele Designer kehrten ihr diese Saison aber beinahe demonstrativ den Rücken – und präsentierten sich so sportlich wie noch nie. Allen voran Miuccia Prada: Ihre (männlichen und weiblichen) Models schritten in Trekkingsandalen und mit riesigen Ruck säcken über den metallenen Laufsteg, um die Beine flatterten neonfarbene Nylonhosen, obenrum wehten karierte Regenmäntel.

foto: apa/afp/guiseppe cacace, prada
Schweres Gepäck und Trekkingsandalen bei Prada
derstandard.at
Blick auf den Laufsteg von Prada

"Die Vergangenheit ist vorbei", diktierte sie den Journalisten nach der Show in die Mikrofone und bezog sich dabei auf die eigenen ironie gesättigten Retrokollektionen. In einer ähnlichen Stimmung auch die in einem Formhoch befindliche Donatella Versace: Ihre Männer steckten in Radler- oder Laufhosen, über den Sakkos zerknitterte Nylonjacken.

foto: versace
Die Männer bei Versace

Und an den Füßen wie beinahe in allen Mailänder Kollektionen: kunterbunte Sportsandalen. Selbst der edle Florentiner Schuhhersteller Ferragamo will auf sie nicht verzichten – genauso wenig wie auf die großen Rucksäcke. An ihren Anblick sollte man sich auch in der Stadt gewöhnen.

Der Laufsteg als Event

Welche Mode man immer zeigt: Sie sollte im Gedächtnis bleiben. Bei insgesamt 35 Laufstegschauen (zuletzt waren es 39) ist das gar nicht so einfach. Und sie sollte sofort über diverse soziale Netzwerke verbreitbar sein. Eine Show wie die von Jil Sander (unter dem Designer Rodolfo Paglialunga) hat es da schwer: monochrome Outfits mit etwas sehr kurz geratenen Hosen und etwas weiteren Schulterpartien.

foto: apa/afp/filippo monteforte, ap flavio lo scalzo, apa/afp/filippo monteforte
Monochrome Outfits bei Jil Sander

Langeweile, selbst wenn sie sich als Minimalismus ausgibt, wird in Zeiten modischen Dauerfeuers nicht goutiert. Marken, deren Stil keinen großen Neuerungen unterworfen ist, müssen sich deswegen immer wieder etwas Neues einfallen lassen. Bei Etro überließ man diesmal befreundeten Journalisten und Künstlern den Laufsteg (und die Auswahl ihrer Outfits).

foto: apa/afp/guiseppe cacace
Journalisten und Künstler auf dem Laufsteg von Etro

Bei Dolce & Gabbana spielte ein New Yorker Jazzensemble auf und lieferte ein schönes Hintergrundrauschen für eine beinahe 100 Outfits umfassende Ode an Musik und Musiker. Und Emporio Armani lud zu einem Fest angesichts der Lancierung der sportlichen Remix-Kollektion.

foto: apa/afp/giuseppe cacace
Fast 100 Outfits bei Dolce & Gabbana

Am geschicktesten machte aber Moncler die eigene Modeschau zum Event: Diesmal inszenierte Designer Thom Browne seine Modeschau als Pfadfinderausflug inklusive monströser Schlafsackmäntel. Diese wird man in Moncler-Geschäften definitiv nicht finden. Doch das ist angesichts der vielen Likes egal.

Mode neu denken

Die rasche Verbreitung der Kollektionen im Internet ist es denn auch, was den Anachronismus des jetzigen Schauenkalenders besonders deutlich macht. Zum Zeitpunkt des Verkaufs der Kollektion (rund sechs Monate nach deren Präsentation) steht den Konsumenten meist schon der Kopf nach etwas anderem. In anderen Städten werden derzeit Modelle erprobt, Modeschauen zu Verkaufsevents umzumodeln. In Mailand ist davon kaum die Rede, hier wird darüber spekuliert, ob die Damenschauen vom September in den Juni wandern und damit Damen und Männer gleichzeitig gezeigt werden könnten. Eine Vereinfachung des Modekalenders scheint eine Notwendigkeit zu sein, wie diese aussehen könnte, ist aber ungewiss. "Man sollte keine Angst vor Veränderungen haben", teilt der Präsident der italienischen Modekammer, Carla Capasa, seinen Schäfchen unterdessen mit. In der Tat wird sich vieles ändern müssen, damit die italienische Mode weiterhin erfolgreich bleibt. (Stephan Hilpold, 21.6.2016)

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