IOC brüskiert Leichtathletik-Weltverband

21. Juni 2016, 19:01
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Saubere russische Athleten sollen bei Olympischen Spielen in Rio doch unter der Flagge ihres Heimatlandes antreten dürfen

Lausanne/Moskau – Sportler aus Russland und Kenia benötigen für ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro (5. bis 21. August) die Freigabe durch die jeweiligen internationalen Fachverbände. Das verkaufte Präsident Thomas Bach am Dienstag nach dem Gipfel des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Lausanne als Konsequenz aus festgestellten Mängeln beider Länder bei der Dopingbekämpfung. Zu den vom IOC genannten Kriterien gehören Dopingtests durch anerkannte Institutionen außerhalb der beiden Staaten. "Es bestehen ernsthafte Zweifel an der Unschuldsvermutung zugunsten russischer und kenianischer Athleten", sagte Bach. Zudem wurden die Sportverbände aufgefordert, gegen in Dopingfälle verwickelte Trainer, Offizielle und Ärzte ebenso vorzugehen wie gegen betroffene Sportler.

Bestenfalls freie Hand

Die normalerweise auf Kontrolle erpichten Olympier lassen damit je nach Sicht den Fachverbänden freie Hand bzw. wälzen die Verantwortung auf diese ab. Der internationale Leichtathletikverband (IAAF) hat am vergangenen Freitag die Olympia-Sperre gegen russische Leichtathleten prolongiert. Russlands Institutionen hatten auf ein Einschreiten des IOC gehofft.

Das brüskierte allerdings auch die IAAF, nämlich durch den Beschluss, dass mit Ausnahmegenehmigung zum Start berechtigte Leichtathleten aus Russland in Brasilien unter der Flagge ihres Heimatlandes antreten dürfen. Die IAAF hatte in Wien entschieden, dass Athleten "nachweislich ohne Verbindung zum System" mit einer Ausnahmegenehmigung in Rio nur unter neutraler Flagge starten dürfen.

Eben unter neutraler Flagge sollte nach Ansicht der IAAF auch Julia Stepanowa in Rio auftreten. Die Läuferin und ihr Mann Witali Stepanow, ein ehemaliger Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur (Rusada), hatten den Dopingskandal mit ihren Aussagen ins Rollen gebracht. Danach verließen die beiden aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen staatlicher Institutionen Russland und setzten sich an einen geheimen Ort in die USA ab.

Russland wirft unterdessen die Empörungsmaschinerie erst so richtig an. Mit einer äußerst scharf formulierten Resolution hat die Duma den Ausschluss der russischen Leichtathleten verurteilt. In der einstimmig verabschiedeten Erklärung bezeichneten die 429 Abgeordneten des Parlaments in Moskau die Entscheidung der IAAF als "Unterdrückung". Der Rio-Bann durch "Sportbürokraten" sei "eine Vorverurteilung aufgrund von Nationalität" und ein "Rückfall in die Zeiten der Inquisition und totalitären Regime".

Durch den IAAF-Beschluss werde "der Sport als Instrument einer politischen Schlacht" missbraucht. Er sei eine "Unterdrückung von Athleten, die nie in unfaire Machenschaften verwickelt gewesen" seien. Er untergrabe die olympische Bewegung.

Der Kritik an den internationalen Sportorganisationen zum Trotz riefen die Mitglieder der Duma allerdings auch zu einer nochmaligen Überprüfung des Rio-Ausschlusses auf: "Das russische Parlament hofft, dass der Gemeinschaftssinn über die Emotionen die Oberhand gewinnt."

So oder so Klage

Unabhängig davon, ob die Duma erhört wird, will Russlands Nationales Olympisches Komitee (NROC) gegen den Ausschluss seiner Leichtathleten beim Internationalen Sportgerichtshof (CAS) klagen. Der Einspruch erfolge zum Schutz der Interessen und Rechte aller russischen Aktiven, die nie eines Dopingvergehens überführt worden seien, sagte NROC-Chef Alexander Schukow.

An einen generellen Rio-Boykott denke Russland übrigens nicht. Schukow: "Präsident Wladimir Putin ist ein überzeugter Anhänger der olympischen Ideale und ein überzeugter Gegner von allem, was diesen Ideen schaden kann." (sid, 21.6.2016)

  • Das IOC (Im Bild Präsident Thomas Bach) hat andere Pläne als der Leichtathletik-Weltverband.
    foto: reuters/denis balibouse

    Das IOC (Im Bild Präsident Thomas Bach) hat andere Pläne als der Leichtathletik-Weltverband.

  • Die Mittelstreckenläuferin Julia Stepanowa hat mit ihrem Mann den Dopingskandal mit Zeugenaussagen so richtig ins Rollen gebracht.
    foto: apa / epa / paul zinken

    Die Mittelstreckenläuferin Julia Stepanowa hat mit ihrem Mann den Dopingskandal mit Zeugenaussagen so richtig ins Rollen gebracht.

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