Szene Bunte Wähne: Die jungen Geiseln des Internets

21. Juni 2016, 15:00
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Das Tanzfestival Szene Bunte Wähne wartet mit gelungenen Stücken auf: Die Salzburger Gruppe Hungry Sharks behandelt die Angst, etwas zu verpassen. Erik Kaiel aus den Niederlanden zeigt eine witzige Tour de Parkour durch das Museumsquartier

Wien – Wie viele aus der sogenannten Babyboomergeneration würden wohl einen Brief an die Kinder und Jugendlichen von heute unterschreiben, der so beginnt: "Es tut uns leid, wir haben es verbockt ..."? Wie viele wären bereit, sich für Desaster wie Umweltzerstörung, Finanzkrise und digitaler Big Brother zu entschuldigen?

Diese Frage legt das beim Festival Szene Bunte Wähne gezeigte Tanzstück #fomo – the fear of missing out ("die Angst, etwas zu verpassen") der Salzburger Gruppe Hungry Sharks jedenfalls nahe. Es macht den Druck spürbar, den die Kommunikationsindustrie auf Youngsters ausübt. Und, wie diese durch die Psychopolitik von Facebook und ähnlichen Medienmonstern aus dem Leben ins Netz gekidnappt und abhängig gemacht werden.

foto: dusana baltic
Hungry Sharks: "#fomo – the fear of missing out"

Kein Wunder, dass #fomo seit seiner Uraufführung 2014 erfolgreich international gezeigt wird. Die Kritik tanzt hier in coolem Outfit und mit populären Urban-Style-Moves an. Die vier jungen Männer und ihre weibliche Partnerin auf der Bühne machen aus dem Straßentanz der noch analogen Seventies ein virtuoses Ereignis für den düster gehaltenen Innenraum. Bei der Montagvormittag-Vorstellung im Dschungel war das Theater gerammelt voll mit in der Mehrzahl weiblichen Jugendlichen, die am Ende lautstarken Applaus spendierten.

Breakdance

Choreograf Valentin Alfery hat entwaffnend direkte Bilder gefunden, die dem Breakdance stellenweise ein geradezu luzides Sinngerüst geben, das zeigt, was aus dieser Tanzform alles herauszuholen ist, wenn man's kann. Warum wirft sich die heutige Performance für Erwachsene nicht ebenso entschlossen in diese Bresche?

Als weiteres Beispiel für gelungene Arbeiten im Szene-Bunte-Wähne-Festival zeigte sich die kinderfreundliche Adaption der Soloarbeit Desh (2011) von Akram Khan, Chotto Desh, im Brut Theater. Nicolas Ricchini tanzte ein sympathisches Akram-Khan-Double und konnte die großen wie kleineren Zuschauerinnen und Zuschauer in seine Biografie zwischen der britischen Kultur, in der er aufgewachsen ist, und der bengalischen Kultur seiner Eltern hineinziehen.

Chotto Desh folgt dem bereits niederschwellig angelegten Original, das 2013 bei Impulstanz im Burgtheater zu sehen war, in allen wichtigen narrativen Zügen. Einige Passagen wurden geglättet, vor allem solche, die ein Kontextwissen voraussetzen, das Achtjährige noch nicht mitbringen können.

Tour de Parkour

Und weil aller guten Dinge drei sein können, sei noch eine weitere Produktion beim diesjährigen Youngsters-Festivals erwähnt, die ihrem Publikum eine Menge Freude bereitet hat: Muricamification – Meine Stadt steht Kopf von Erik Kaiel aus den Niederlanden: eine Tour de Parkour durchs Museumsquartier mit Witz und Virtuosität.

Als Inspiration dienten der fünfköpfigen Gruppe die Erzählungen von Haruki Murakami. Dieser Einfluss auf die Performance war, auch wenn der tanzende Zwerg fehlte, nachvollziehbar. (Helmut Ploebst, 22.6.2016)

Bis 22. 6.

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Szene Bunte Wähne

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