Salon Tintenfisch: Galerie Spazio Pulpo in der Sonnenfelsgasse

24. Juni 2016, 12:14
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Ornament trifft Zufall: In einer Designgalerie in Wien zeigen das Duo Chmara.Rosinke und der Keramiker Matthias Kaiser ihre Arbeiten

Der Aufstieg lohnt sich. Hat man den putzigen Hof in der Wiener Innenstadt durchquert, steigt man in den dritten Stock. Gefühlt ist es der sechste. Obacht auf den Kopf, denn das Treppenhaus windet sich wie eine katakombenartige Schlange in die Höhe. Vorbei an urigen Pawlatschen, oberhalb der Touristentränke Zwölf Apostelkeller liegt die Galerie Spazio Pulpo in einem der ältesten Häuser Wiens. "Es geht auf das Jahr 1339 zurück", erzählt Maciej Chmara, einer der Macher der Designgalerie.

Gemeinsam mit Ania Rosinke steht er für das Duo Chmara.Rosinke, das unter anderem für seine preisgekrönte Mobile Kitchen bekannt wurde. Die Galerie betreiben sie zusammen mit dem Designer Patrick Rampelotto und der Experimentiertruppe Breaded Escalope. Drei Ausstellungen soll es pro Jahr geben.

foto: kristina hrabetova, chmara.rosinke
Auch in der Ausstellung in der Wiener Sonnenfelsgasse zu sehen ist dieser "Raum im Raum", allerdings ohne die Designer Ania Rosinke und Maciej Chmara sowie deren Nachwuchs.

Nein, der Spazio Pulpo ist keine schicke Kunsthalle, in der die Wiener Schickeria zur Vernissage antanzt. Die Galerie ist ein kleiner, äußerst charmanter Raum, ein Mix aus Pariser Bohemeflair längst vergangener Tage mit einem ordentlichen Schuss zeitgenössischem Berlin- und Mailandfeeling. "Eigentlich hätten wir diese kleine Wohnung für den Hauseigentümer umbauen und einrichten sollen. Dann kam die Idee zu der Galerie, und der Besitzer hat seine Umbaupläne um drei Jahre verschoben." Gut für das Team des Pulpo. Schön für alle Designinteressierten.

Makel gefragt

In den Raum unter dem Dach dringt zauberhaftes Licht, er wirkt wie eine charmante Box. Man betritt sie gern. Darin sind die Objekte von Chmara.Rosinke und dem befreundeten Keramikkünstler Matthias Kaiser dezent inszeniert. Seinen Brennofen beheizt er noch mit Holz, die Töpferscheibe wird per Fuß betrieben. Die Ergebnisse sind hier zu sehen. Ansonsten bestimmen Holz, Marmor, Zinn, Messing und Glas die Atmosphäre. Und dieses Licht.

Und kleine Fehler: Auf die wollen die Gestalter aufmerksam machen. Auf kleine Makel, die die Objekte zu Unikaten machen, ihnen zusätzlich Seele verleihen. Ein Sprung hier, ein Eck weg dort, eine Oberflächenlasur einer Vase, die durch ungewollte Schlieren eine ganz eigene Ornamentik zeigt. Der Kontrast zwischen den Arbeiten von Chmara.Rosinke und den Keramiken von Matthias Kaiser scheint dabei groß. Er ist groß. So groß, dass sie ganz wunderbar zueinander passen, eine designtechnische Faust auf das dazugehörige Auge, wenn man so will.

foto: kristina hrabetova, chmara.rosinke
Tischleuchten, die das Duo Chmara.Rosinke mit dem Keramikkünstler Matthias Kaiser gestaltet hat.

Drei Objekte haben Ania Rosinke und Maciej Chmara, die unter anderem für Cos, Nespresso oder die Neue Wiener Werkstätte arbeiteten, gemeinsam mit Matthias Kaiser entworfen. Es handelt sich um drei Tischleuchten, sehr skulptural anmutende Objekte. Verwendet wurden Teller, Beton, ein Badeschwamm, Holz. Die Frage nach der Nähe zur Kunst liegt auf der Hand: "Es ist schade, dass es diese Schubladen geben muss. Wir sind große Freunde der Moderne, in der jeder alles tun darf, Kunst, Malerei, Architektur, Design.

Die Hierarchie bestimmt doch letztendlich nur der Kunstmarkt. Warum soll der Tisch eines Künstlers zehnmal so viel kosten wie der eines Designers", sagen Chmara.Rosinke zwischen drei Tischen, allesamt kreisrund, allesamt mit denselben Maßen, wobei eine Ausführung aus Esche und Stahl, die andere aus Marmor und Messing und die dritte aus Glas und Buche gefertigt wurde.

foto: kristina hrabetova, chmara.rosinke

Ein Objekt nimmt den größten Teil des Raumes ein, ein Raum im Raum. Ein offener hölzerner Quader, in dessen Seiten ornamentale Geometrien eingespannt sind. Der Raum (siehe Foto) erinnert formal an Design, besitzt allerdings nicht wirklich eine Funktion außer jene, eine Stimmung zu erzeugen. Die archaisch wirkenden Geometrien finden sich auch in anderen Gegenständen des Duos wieder, auf Glasuntersetzern aus Zinn mit kleinen butzenfensterartigen Einlässen, die man sich am liebsten an die Wand hängen möchte.

Entdecken lassen sich die Dreiecke, Kreise und kuchenstückförmigen Flächen aber auch in Schmuck, in Broschen und Ohrgehängen. Das Spiel mit dem Ornament findet dabei so dezent und doch so sichtbar statt, dass es sogar Adolf Loos gefallen haben dürfte. Wenn er den Aufstieg gewagt hätte. (Michael Hausenblas, RONDO, 24.6.2016)

Ausstellung: "Chmara.Rosinke und Matthias Kaiser"
Spazio Pulpo
Sonnenfelsgasse 3/2/15
1010 Wien
bis 8. Juli von Do bis Sa von 15 bis 18 Uhr, danach nach Terminvereinbarung.
www.chmararosinke.com

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