Album der Woche: Spain "Carolina"

24. Juni 2016, 12:00
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Nachtfahrten durch das amerikanische Hinterland, das Herz voller Hoffnung

Langsamkeit wird oft als Schwäche interpretiert. Dabei ist es genau umgekehrt. Mit Schnelligkeit lässt sich Ungenauigkeit leicht kaschieren, in der Langsamkeit zählt die Perfektion, das Gefühl hat Zeit, sich einzustellen, die Magie zu erwachen. Das Gesamtwerk der Band Spain untermauert diese These und legt einen drauf, das Album Carolina.

Spain ist die Band von Josh Haden. Der hat vor zwei Jahren seinen Vater verloren, Charlie Haden, der vielen als wichtigster Bassist des 20. Jahrhunderts gilt. Spain zelebrierte von Beginn an die Kunst der Langsamkeit. Jeder Finger, den Haden in seinen Songs auf wunde Herzen legte, brannte doppelt, wurde aber von seinem einnehmenden Gesang versorgt, umhegt und verbunden. Bereits auf seinem 1995er-Debüt The Blue Moods Of Spain befanden sich mit Untitled #1 und dem der Band später von Johnny Cash enteignetem Spiritual zwei Songs, die bis heute monolithisch aus dem Werk dieser Westcoast-Band herausragen. Wim Wenders entdeckte sie auch und rechtfertigte mit einem ihrer Lieder seinen ansonsten vergeigten Film The End Of Violence.

murmur pnieto

Film noir O Nach drei wunderbaren Alben und einer Best-of-Sammlung war 2001 Schluss, erst 2012 berief Haden die Band wieder ein und legte seit damals noch drei gefühlsintensive Meisterwerke nach, als Viertes gesellt sich nun Carolina dazu.

Dafür nahm Haden zwar Country als Zielgebiet ins Visier. Es sei die Musik gewesen, die sein Vater zu Hause oft gehört habe, doch auch wenn diese Richtung erkennbar ist, erschaffen Spain keine Kuhbubenmusik. Vielmehr produzieren sie einmal mehr atmosphärisch dichte Nachtfahrten, wie sie jedem Klassiker des Film noir gut anstehen würden.

Einsame Drifter auf der Landstraße, Lieder über Sehnsüchte, Enttäuschungen, dunkle Vergangenheiten. Hadens Schwester Petra streicht dafür eine Geige, die Wehmut verbreitet, während Josh Kilometer um Kilometer zwischen sich und sein früheres Leben bringt. "I love you still", singt er dazu in die Nacht. Träge Bläser tragen seinen Kummer durchs Cinemascope. Spain, das ist Musik wie Kino, die Nachtvorstellung, in der das Publikum mit der Handlung langsam verschmilzt. (Karl Fluch, 24.6.2016)

spain (the band)
  • Spain: "Carolina" (Glitterhouse/Hoanzl)
    foto: glitterhouse/hoanzl

    Spain: "Carolina" (Glitterhouse/Hoanzl)

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