#comebackstronger: Von weißer und schwarzer Medizin

22. Juni 2016, 05:40
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Verletzungsbedingte Pausen sind lästig, können aber vorkommen. Wenn Schonung und Pflege keine dauerhafte Abhilfe schaffen, bleibt nur der Weg zum Arzt. Ob dieser Angst oder Mut macht, steht auf einem anderen Blatt

"Das bekommen wir wieder hin", schrieb Robert Fritz. Das war für mich die beste Nachricht des Jahres. Lauftechnisch. Denn so wirklich war 2016 bisher nicht mein Jahr. Ebenfalls: lauftechnisch. Denn auch wenn es bei jedem und jeder hin und wieder nicht so läuft, wie das bei der Planung der Laufsaison avisiert war: Niemand lebt im Vergleich. Und wie gechillt oder entspannt Sie zum MRT gehen würden, wenn Ihnen ein Arzt zuvor auf den Kopf zusagt, dass Sie sich mental schon drauf vorbereiten sollen, dass es danach wohl "neues Hüftgelenk" heißen mag, möchte ich sehen: Nein, ich bin noch keine 80 Jahre alt.

foto: thomas rottenberg

"Das bekommen wir wieder hin", schrieb Robert Fritz, als ich mich mit dem MRT-Befund in der Hand bei ihm meldete. Fritz ist Sportmediziner. Er ist Teil der Sportordination in Wien. Ich kenne und schätze ihn schon länger, aber als Patient hatte ich ihn noch nie konsultiert: Ich habe ihn als medizinischen Betreuer der Läuferinnen und Läufer aus Österreich beim New York Marathon erlebt. Weiß, dass er Teil des Med-Teams rund um den Vienna City Marathon und etliche andere Events ist. Habe ihn auch schon bei Laktattests mit Patientinnen und Patienten auf der Hauptallee "erwischt". Außerdem habe ich Fritz schon mehrfach interviewt (zuletzt für "Cure"). Aber Patient war ich noch nie bei ihm: Es hat sich nie ergeben. Bis jetzt.

foto: sportordination

"Das bekommen wir wieder hin", schrieb Robert Fritz. Und auch wenn er im nächsten Satz betonte, dass das natürlich keine Garantie und kein Vorgriff auf das sein könne, was der Hüftexperte mir sagen würde, wenn ich mit Bildern und Befund bei ihm aufschlüge, klang das besser als das apokalyptische Bild, das ein anderer Mediziner mir zuvor skizziert hatte – noch bevor er Genaueres hatte wissen können. Mag sein, dass es Menschen gibt, die glücklich sind, wenn es dann nicht ganz so schlimm kommt. Ich gehöre nicht dazu.

Das Tante-Jolesch-Prinzip

Das Tante-Jolesch-Prinzip (nicht das von Mann & Aff´& Luxus, sondern vom Bewahrtseinwollen vor dem, was "noch ein Glück" ist) mag stimmen – aber mit der auf bloßes Hinschauen getätigten Ankündigung, "dass Sie eventuell nie mehr laufen werden", aus einer Ordination zu gehen ist nicht das, was mich weiterbringt. Die Cassandra gebe ich mir selbst. Und die Apokalypse male ich mir auch ohne fremde Hilfe hübsch düster aus – kompetenten, fachkundigen Menschen kommt in meiner Welt die Aufgabe der positiven Motivatoren zu: Das Glas ist so lange halb voll, bis das Gegenteil erwiesen ist.

foto: thomas rottenberg

"Das bekommen wir wieder hin", schrieb Robert Fritz. Dort, wo ich im Augenblick bin, ist das eine Botschaft, die das Glas nicht nur halb, sondern dreiviertel voll scheinen lässt: Laufen spielt es – das haben Sie in den letzten Monaten hier wohl mitbekommen – bei mir derzeit nicht. Und zwar so richtig: Über das Wieso und Warum könnte ich jetzt lange theoretisieren und jammern – und zu keinem Ergebnis kommen, das mich weiterbringt.

Fakt ist, dass meine linke Hüfte sich seit einem Monat vor dem Vienna City Marathon gegen das Laufen wehrt. Und zwar so, dass ein paar schnelle Schritte – etwa um einen Bus zu erwischen – höllisch wehtun: Mit Gewalt drüberrennen ging. Kurz. Der Preis dafür, das beim Linz-Marathon auf der Halbdistanz ausprobiert zu haben, war jedoch, dass danach gar nix mehr ging. Und es der von meiner Trainerin Sandrina Illes und all meinen Buddys ausgesprochenen Verbote und Drohungen gar nicht bedurft hätte: Es und ich wollten und konnten ohnehin nicht.

foto: thomas rottenberg

Ich nahm das Urteil an: ein paar Wochen Entzug. Ein Monat Pause. Sechs Wochen – im schlimmsten Fall. Dachte ich. Nur: Das war es nicht. Trotz Blackroll-Marathons, Physio und sehr spezifischem Krafttraining. Trotz Aquajogging. Trotz der Reduktion auf No-Impact-Sportarten: Radfahren und Schwimmen zu intensivieren stand ohnehin auf meiner To-do-Liste. Bouldern auch. Ging alles super. Sogar schmerzfrei.

Yoga ist kein Wettkampf

Aber den Offenbarungseid brachte mir Yoga. Hot Yoga, um genau zu sein: Dass man als Anfänger im Allgemeinen und als Mann im Besonderen da eher klägliche Figur macht, überraschte mich nicht. Aber Yoga ist kein Wettkampf. Dass der Unterschied in Beweglichkeit, Kraft, Stabilität und Koordination zwischen meinem linken und meinem rechten Bein aber dermaßen groß ist, war aufschlussreich. Und ernüchternd: Das liegt nicht an einer einmaligen, solitären Verletzung – das habe ich über Jahre aufgebaut.

foto: thomas rottenberg

Doch auch wenn meine Hüfte bald schmerzfrei war und ich rundum aufbaute und zulegte, blieb eines unverändert: zwei, drei flotte Schritte – und das ganze Spiel ging wieder von vorne los. Und während all meine Freunde ihre Wettkampfpläne schön, konzise und erfolgreich durchzogen, ihre Ziele erreichten und oft auch übertrafen, war ich heuer sportlich vieles – nur eines nicht: Läufer. Und bei allem Spaß mit und aller Freude an anderen Disziplinen: Ich will laufen.

Der Arzt muss ran

Irgendwann kommt dann eben der Moment, in dem es nicht anders geht: Da muss der Arzt ran. Und weil mein Orthopäde mir vor ein paar Jahren – sagen wir mal – abhandengekommen ist, war ich unterversorgt. Ging dorthin, wo ich am schnellsten einen Termin bekam. Und bereute es in der Sekunde: "Machen Sie sich sicherheitshalber auf das Schlimmste gefasst: dass Sie eventuell nie wieder laufen werden. Und dass vielleicht ein neues Hüftgelenk fällig sein könnte" ist keine leiwande Ansage. Nach einem MRT, mit Bildern und Befund unterfüttert, kann man das sagen – und eine zweite Meinung einzuholen empfehlen. Aber nach Hinschauen, Herumgedrücke und Stirninfaltenlegen die Angstkarte spielen? Nicht mein Ding.

foto: thomas rottenberg

Den MR-Befund schickte ich deshalb Robert Fritz. Mit der Bitte um einen Termin. Selbstverständlich als ganz normaler, regulär zahlender Kunde. Fritz schickte die Unterlagen an den Hüftexperten weiter, vermittelte einen Termin – betonte, dass er dem Experten nicht vorgreifen wolle oder könne, hatte aber diesen einen Satz für mich, auf den es ankommt. Den, nach dem, um es mit Hans Krankl zu sagen, alles andere primär ist: "Wir bekommen das wieder hin." (Thomas Rottenberg, 22.6.2016)

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