Estland: Bei den neuen und alten Balten

28. Juni 2016, 05:30
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Ein Amerikaner fand seine Wurzeln in Estland und zog dann dorthin. Ein deutscher Arzt entdeckte die heilsame Wirkung von Schlamm und gründete einen estnischen Kurort. Und dann kamen die Russen. Historisch gesehen ist das Land ziemlich multikulti

Er hätte es leichter haben können. Als Absolvent einer renommierten US-Hotelfachschule leitete der Amerikaner Karl von Ramm ein 580-Betten-Haus. Aber dann holte ihn die Geschichte ein – in dem Fall jene der eigenen Familie. Und plötzlich fand er sich als Besitzer eines Herrenhauses mitten im ländlichen Estland wieder: "Wenn ich richtig zurückrechne, bin ich die zwölfte Generation." Und da lebt der junge Mann aus Durham, North Carolina, jetzt seit fünf Jahren in Harjumaa und leitet das Hotel Padise Mõis ("Herrenhaus") mit seinen überschaubareren 15 Zimmern.

Bis vor ein paar Jahren wusste Karl von Ramm nicht viel mehr, als dass die Familie aus Estland kam: "Unsere Großeltern sprachen nie über ihr Leben in Estland, nie über den Krieg, denn sie hatten alles verloren." Bereits 1919, nachdem Estland erstmals die Unabhängigkeit erlangt hatte, war die baltendeutsche Adelsfamilie enteignet worden. 1939 dann, als abzusehen war, dass die baltischen Länder unter sowjetischen Einfluss geraten würden, siedelte sie nach Polen um, floh 1944 nach Deutschland und wanderte in den 1950ern in die Vereinigten Staaten aus.

foto: istock/venemama
Parnu

Karl von Ramms Vater, ein in Polen geborener Amerikaner, rekonstruierte die Ursprünge der Familie: Seit dem 13. Jahrhundert waren die von Ramms im Baltikum, zunächst in Lettland, ansässig gewesen. Im Jahr 1622 öffnete einer der Vorfahren, der Burggraf von Riga, den belagernden Schweden die Stadttore. Deren König Gustav II. Adolf revanchierte sich, indem er ihn in den Adelsstand erhob und das Herrenhaus in Harjumaa zum Geschenk machte. Die Familie von Ramm wusste dieses Startkapital auf estnischem Boden zu nützen: In ihrer besten Zeit besaß sie zehn Herrenhäuser und etwa ein Sechzehntel des estnischen Territoriums. Der baltendeutsche Adel bildete, zusammen mit der Kaufmannschaft, jahrhundertelang die herrschende Klasse des Landes. "Eine untergegangene Welt!", seufzt Karl von Ramm.

"Mein Vater fuhr einmal aus Neugier nach Estland," sagt Karl von Ramm. "Er sah das heruntergekommene Gut, das jahrzehntelang als Dorfschule gedient hatte, und kaufte es 1997 vom Staat zurück. Der Kaufpreis war nicht so schlimm, aber die Sanierung – ein Millionen-Projekt." Als sich die Frage stellte, wer Padise Mõis leiten sollte, zeigte Karl von Ramm, der gelernte Hotelkaufmann, auf.

Mitten in Estland

Das Haus kann gut als Ausgangspunkt zur Erkundung von Estland dienen – das Land ist nur halb so groß wie Österreich. Man macht also Ausflüge nach Tallinn, in die alte Universitätsstadt Tartu oder nach Pärnu, Estlands "Sommerhauptstadt", geht wandern oder radfahren. Padise liegt auf einer Nebenstraße zwischen Tallinn und Haapsalu, die zugleich eine der wichtigsten Fahrradrouten durch das Baltikum ist.

foto: istock/leskas
Haapsalu

Eine Strecke, die man, wie man als Mitteleuropäer ungläubig bemerkt, großteils alleine bestreitet. Wenn einem wirklich einmal etwas entgegenkommt, ist das auffallend oft ein Polski Fiat, ein kastenartiger automobiler Gruß aus den frühen 1970ern. Es kann aber auch ein Elch sein. "Seien Sie vorsichtig, ich begegne jeden Tag einem auf der Straße", sagt Karl von Ramm zum Abschied.

Die Straße führt zum Kurort Haapsalu. Dorthin kommt man wegen der Schlammbehandlungen, die gegen Rheuma helfen sollen. "Der deutsche Arzt Carl Abraham Hunnius hat den Ort begründet, nachdem er die heilsame Wirkung von Schlamm erkannt hatte", erklärt Maria Strauss, die hier Besucher herumführt.

Sinnieren und komponieren

Haapsalu wurde rasch zum beliebten Urlaubsort russischer besserer Kreise, die Kurpromenade, Pavillons und ein Kursaal – heute ein hübsches, gutes Restaurant – sind entstanden. Auch Zar Nikolaus II. und Tschaikowski hielten sich hier auf. An jener Stelle, an der der Komponist aufs Meer schaute und sinnierte, steht heute eine steinerne Bank. Auf Knopfdruck werden Hörbeispiele von Stücken aktiviert, die er in Haapsalu geschrieben haben soll.

foto: imago/imagebroker
Tallinn

Fixpunkt ist die Bischofsburg aus dem 13. Jahrhundert, die älter ist als die Stadt selbst. Die hiesigen Bischöfe vereinigten die geistliche und die weltliche Macht auf sich, wodurch sie immer wieder in Kriegshandlungen verwickelt waren. Im Zuge einer solchen wurde die Burg im 17. Jahrhundert zerstört und blieb als Ruine zurück. Der Turm steht noch, der Blick aufs Meer und die Stadt ist auch noch da.

Das Burgmuseum gibt einen Überblick über die Geschichte des Bistums. Interessant: ein Stammbaum der Domkapitel. Es sind ausschließlich Namen baltendeutscher Adliger. Keine Esten? "Nein, die Esten, das waren die Bauern", stellt Maria, die selbst Estin ist, trocken fest. Das ist die Kehrseite der baltendeutschen Gloria: Die Leibeigenschaft ist erst 1816 abgeschafft worden, erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen Studenten der Universität Tartu, sich auf ihre eigene Kultur, Sprache und Lieder zu besinnen. (Harald Sager, 28.6.2016)

Service & Info

Anreise: Zwei wöchentliche Flüge Wien-Tallinn mit Air Baltic. Weiterfahrt mit dem Mietwagen ins etwa 50 km südwestlich gelegene Padise, annähernd gleich lange Strecke in den Kurort Haapsalu. 70 km weiter südlich liegt Virtsu, von wo aus man gegen eine geringe Gebühr mit der Fähre auf die Insel Muhu gelangt.

Unterkunft: Das etwa 15 km südwestlich von Tallinn gelegene Padise Mõis ist ein ehemaliges Herrenhaus der baltendeutschen Familie von Ramm, die es 1997 vom estnischen Staat zurückgekauft und zu einem Hotel und Restaurant ausgebaut hat. 15 individuell eingerichtete Zimmer, darunter zwei Suiten mit Sauna, ein schöner klassizistischer Speisesaal. Das ganzjährig geöffnete Padise Mõis ist zudem eine der estnischen Top-Locations für Hochzeiten, Seminare, Tagungen usw.

Nautse Mikhli auf der Insel Muhu ist ein sehr schön adaptiertes, aus einem sichtbar besser gestellten Bauernhaus hervorgegangenes Gästehaus mit vier Zimmern. Die große, moderne, effiziente Küche ist die Kommandozentrale, denn Ingrem Raidjõe, die Köchin in Tallinn ist, veranstaltet hier auch Kochkurse. Wenn man Glück hat und sie gerade Zeit hat, kocht sie für einen auf. Bei uns war das so der Fall. Man richtet gemeinsam an und speist im Garten. Wer allerdings kein Straußenfleisch mag – Ingrems Eltern betreiben eine Straußenfarm –, sollte das gleich sagen. Es gibt eine Bauernstube, einen Festsaal mit Steinwänden und Balkendecke, der sich sicher gut für Hochzeiten macht, und man schläft in einer vollständig in Holz ausgekleideten Kemenate. Aktivitäten: Kochkurse, Sauna, wandern, Rad fahren, an den Stränden von Muhu schwimmen gehen.

Sonstiges: In Estland, dem kleinsten und nördlichsten Baltenstaat, gibt es das alte Europa noch, mit seinen mittelalterlichen Rathausplätzen, kopfsteingepflasterten Gässchen und trutzigen Burgen. Man findet es vor allem in der Hauptstadt Tallinn, dem früheren Reval, und in der Universitätsstadt Tartu. Zusätzlich dazu wird auch der Öko-Tourismus – Wildvögel beobachten, durch Wald und Moor wandern (Letzteres in Nationalparks und auf Stegen), reiten, Kanu fahren – immer beliebter. Die Zugvögel machen auf den gezählten 1.521 Inseln und an der Küste Zwischenstation zwischen ihren südlichen Winterquartieren und den Brutstätten im Norden. Badeorte wie Pärnu, Estlands "Sommerhauptstadt", und Kuressaare auf der Insel Saaremaa locken nicht nur mit Sandstränden, sondern auch mit Schlammbehandlungen.

Muhu ist nach den Nachbarinseln Saarema und Hiiumaa die drittgrößte Insel des Landes. Im Museum des Dorfs Koguva, das von Rutt Veskimeister betreut wird, wird die Lebenswelt der früheren hiesigen Bevölkerung anhand eines Musterbauernhofs veranschaulicht. Man erfährt da Dinge wie, dass die Leibeigenen erst im frühen 19. Jahrhundert befreit wurden.

Oder dass es eine Sauna gab. Aber nur eine für das ganze Dorf. Dieses selbst wirkt wie aus der Zeit herausgefallen, mit Stein- bzw. Holzhäusern und Dächern aus Schilf ("Reet"), die wie das Fell eines Pferdes aussehen. Die Wege sind nicht asphaltiert und nicht beleuchtet, man fühlt sich an Tarkowski-Filme erinnert, in denen die Zeit wenn schon nicht stillsteht, so tropfenweise abgesondert wird.

Die Reise erfolgte auf Einladung des Estonian Tourist Board.

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