Analyse: Hat Microsoft die Xbox One selbst gekillt?

Analyse21. Juni 2016, 10:27
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Experten zeichnen ein düsteres Bild für Microsofts Konsolensparte. Und der Konzern sei selbst schuld daran

Microsoft hat auf der vergangenen Branchenmesse E3 gleich zwei neue Konsolenmodelle der Xbox One angekündigt. Eine schlankere Version mit der Xbox One S, die im August auf den Markt kommt, und die deutlich stärkere "Project Scorpio", die Ende 2017 erscheinen soll.

Doch anstelle dies als kräftiges Lebenszeichen für Microsofts Spielkonsolengeschäft zu werten, sehen einige Branchenbeobachter darin eine unschlüssige Strategie, die zumindest die Xbox One in massive Probleme bringen könnte. Das Marktforschungsunternehmen DFC Intelligence sieht in den Plänen sogar Anzeichen dafür, dass sich Microsoft über kurz oder lang von der Xbox-Sparte verabschieden dürfte. "Die große Frage scheint jetzt nicht mehr zu sein, ob Microsoft das Gaminggeschäft verlassen wird, sondern wann und wie", zitiert die Seite MCV einen DFC-Sprecher.

"Xbox One S zum Start gekillt"

Grund dafür sehen die Marktforscher in der Art und Weise, wie der Redmonder IT-Riese seine neuen Produkte positioniert. "Das vorrangige Problem ist, dass Microsoft die Xbox One S praktisch gleich zum Start gekillt hat. Wenn es noch viele X360-, Wii-U- oder selbst PS4-Kunden geben sollte, die zu Weihnachten an einer Xbox One interessiert wären, dann wurde diesen nun gesagt, dass sie bis 2017 auf die Scorpio warten sollen", sagt DFC.

"Microsoft hat die E3-Konferenz mit der Enthüllung der Xbox One S gestartet und dann – es verwundert mich noch immer – die Show damit beendet, allen zu sagen, dass sie verrückt wären, (bis zur Scorpio) jegliche Xbox One zu kaufen", meint auch Eurogamer-Autor Rich Stanton.

Hin und her

Dass die Ankündigung der Scorpio so früh und parallel zur Xbox One S erfolgte, hat Microsofts Manager tatsächlich selbst in eine Bredouille gebracht. So erklärte Xbox-Chef Phil Spencer im Rahmen der E3 der Seite Eurogamer zunächst, dass nur Kunden mit 4K-Fernseher von der Scorpio profitieren würden (wohl auch, um die Xbox One S zu bewerben), und erklärte einen Tag später gegenüber Videogamer, dass Entwickler die zusätzlichen Ressourcen nicht zwangsläufig für die 4K-Auflösung nutzen müssten. Die Kommunikation ganz auf 4K zu stützen, wäre insofern nicht unbedingt vorteilhaft, da selbst Ende 2017 noch die Mehrheit der Konsumenten wohl noch keinen entsprechenden 4K-Fernseher haben wird.

Das Windows-Problem

Ein anderes Problem, mit dem die Xbox-Sparte konfrontiert ist, ist Microsofts neue zweigleisige Strategie, um das Betriebssystem Windows 10 weiter zu stärken. So werden alle neuen Xbox-Spiele von Microsoft nicht nur für Konsole, sondern auch für PC erhältlich sein.

"Der Preis der originalen Xbox One ist großartig, die Slim ist wunderbar, aber alle wichtigen neuen Spiele werden auch für PC erscheinen, warum soll man dann in eine Konsole investieren?", fragt sich DFC. "All diese Dämpfer für die Xbox-Verkäufe öffnen nun wirklich die Tore für Sony (PS4) und selbst Nintendo und (deren nächste Spielkonsole) NX."

"Unattraktive Option"

Autor Stanton sieht es ähnlich. "Die Zukunft, (die Microsoft) auf der E3 gezeichnet hat, macht die Xbox One, wenn nicht obsolet, zumindest zu einer unattraktiven Option. Konsolen sind technologisch immer hinter der PC-Entwicklung zurück, was durch deren Langlebigkeit und Software ausgeglichen wird. Die Xbox One ist nun nicht nur ein schwacher PC, sondern auch einer, dessen künftige Software auf echten PCs verfügbar sein wird. Und als Draufgabe wurde das nächste Xbox-Modell bereits 18 Monate vor dem Marktstart angekündigt."

PlayStation-Frage

Die Bedenken gegenüber Microsofts Konsolenstrategie werden sich zumindest zum Teil auch auf Sonys Fahrplan für die PS4 übertragen lassen. Der Konzern hat mit der "Neo" ebenfalls bereits ein stärkeres PS4-Modell angekündigt, das zwar genau die gleichen Spiele wie die bestehende Konsole unterstützen werde, diese aber mit hübscherer Grafik darstellen könne.

Sonys Konsolengeschäft stärken könnte wiederum, dass die Neo Berichten zufolge noch heuer erscheinen dürfte, und damit kein oder nur ein kleineres Vakuum beim Kundeninteresse erzeugt wird. Und andererseits investiert Sony weiter massiv in Games und VR-Projekte, die exklusiv für PS4 (und Neo) erscheinen werden. Wer diese Games spielen will, wird nicht darum herum kommen, sich eine Konsole zu kaufen.

Serviceanbieter

DFC zufolge habe Microsoft mit der Übernahmeverkündung des Businessnetzwerks Linkedin für 26 Milliarden Dollar parallel zur E3 ein deutliches Zeichen für die weitere Entwicklung des Konzerns gesetzt. Unter CEO Satya Nadella wandelt sich Microsoft zunehmend zum Serviceanbieter. Damit zusammenpassen würde auch, wenn Microsoft seine Xbox-Sparte langfristig vom Konsolenmodell komplett zum Plattform-unabhängigen Dienst umbaut. Bereits jetzt schon ist der Online-Service Xbox Live auch auf PC und mobilen Geräten zuhause. (Zsolt Wilhelm, 21.6.2016)

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    foto: reuters/lucy nicholson
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