Ibrahim Olgun: Vom Gastarbeiterkind zum Präsidenten der IGGiÖ

Kopf des Tages20. Juni 2016, 19:05
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Der neue Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft ist Theologe und will ein Vertreter aller Muslime in Österreich sein

Nicht alle gläubigen Muslime im Land brechen ob des türkischstämmigen 28-jährigen Ibrahim Olgun an ihrer Spitze in Jubel aus. Der Vorsitzende der Arabischen Kultusgemeinde will die Wahl des neuen Oberhaupts der Islamischen Glaubensgemeinschaft gar anfechten, auch weil der frischgekürte Präsident zu jung für das Amt sei. Doch ein renommiertes Mitglied der Community, das einst selbst aus dem Mittleren Osten zugewandert ist, misst dem Scharmützel rund um Olgun nicht allzu viel Bedeutung bei, denn: "Auch FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache hat die Bundespräsidentenwahl angefochten, also steht das auch jedem bei uns zu. Wir leben in einem Rechtsstaat – und der wird über die Wahl entscheiden."

In der Gemeinde, wo – ähnlich wie in der katholischen Kirche – bis heute gern Alter mit Weisheit gleichgesetzt wird, kreiden einige dem in Mistelbach geborenen Gastarbeitersohn, der an einer technischen Schule maturiert, seinen Präsenzdienst hierzulande abgeleistet und in Ankara studiert hat, aber auch an, dass er von der türkischen Religionsbehörde Diyanet und damit von Präsident Recep Tayyip Erdogan gesteuert werde. Denn vor nicht allzu langer Zeit war der Theologe noch als Integrationsbeauftragter bei Atib tätig – und hinter dem Kürzel steckt die mächtige "Türkisch Islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit" – ein Verband, der auch in Österreich dutzende Vereine, aber auch Moscheen und Islamzentren betreibt.

In seinen ersten Statements betonte Olgun allerdings ausdrücklich, dass er ein Vertreter "für alle Muslime hier in Österreich" sein wolle und alle Ethnien ansprechen werde. Auch als Fachinspektor für islamischen Religionsunterricht – bisher war er in diversen Wiener Bezirken und deren Pflichtschulen aktiv – eilt Olgun ein strenger, aber gerechter Ruf voraus.

In seiner Gemeinde selbst hat Olgun dem Vernehmen nach bereits versichert, dass er allen Moscheen, und damit nicht nur den türkischen, sondern auch den bosnischen, albanischen und arabischen, einen Besuch abstatten werde – und wenn dieser auf einen Freitag falle, möchte er sogar predigen -, und zwar auf Deutsch. "Wenn Olgun in einer arabischen Moschee ist, würde ihn auf Türkisch ja auch niemand verstehen", witzelt ein Gläubiger. Aber immerhin: Anders als seine Vorgänger Anas Schakfeh und Fuat Sanaç schreckt der verheiratete Familienvater vor dieser spirituellen Aufgabe keineswegs zurück. (Nina Weißensteiner, 20.6.2016)

  • Der Theologe Ibrahim Olgun ist neues Oberhaupt von Österreichs Muslimen.
    foto: apa/iggiö

    Der Theologe Ibrahim Olgun ist neues Oberhaupt von Österreichs Muslimen.

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