Cybermobbing: Lehrern fehlt "digitale Kompetenz"

21. Juni 2016, 06:00
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Eltern und Lehrer reagieren häufig falsch auf jugendliche Mobbing-Opfer, sagen Experten

Wien – Ein blondes Mädchen sitzt vor seinem Laptop, anfänglich lächelt es noch. Dann tippt die Jugendliche eine Nachricht und veröffentlicht sie in einem sozialen Netzwerk. Plötzlich sprießen Pickel in ihrem Gesicht, kurz darauf wächst ihr eine Schweinsnase. "Du fette Kuh", schreibt ein Bursche, ihr Körper bläht sich auf. Drei junge Frauen starren auf einen Bildschirm und lachen sie aus. Das ist ein Spot der Europäischen Union aus dem Jahr 2009, er sollte auf das Thema Cybermobbing aufmerksam machen.

Heute, sieben Jahre später, ist das Thema zwar bekannter, der Umgang damit aber immer noch hölzern. Sind Eltern oder Lehrer in Österreich mit einem konkreten Fall konfrontiert, würden viele falsch reagieren, sagt Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin des EU-geförderten Projekts saferinternet.at: "Es gibt da großen Nachholbedarf. Dass digitale Kompetenz im Jahr 2016 noch nicht Teil der Lehrerausbildung ist, ist eigentlich ein Wahnsinn."

Jeder zehnte Jugendliche wird gemobbt

Wie viele Menschen hierzulande von Cybermobbing betroffen sind, ist schwer zu sagen. Eine Schülerbefragung der Beratungsstelle Rat auf Draht hat ergeben, dass mehr als zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen jemanden kennen, der gemobbt wird. Jeder Dritte gab an, bereits selbst Opfer von Cybermobbing geworden zu sein – laut Fragestellung muss man dafür "über mehrere Monate hinweg" im Internet beleidigt, bedroht oder belästigt werden.

Dagmar Strohmeier, Psychologin und Forscherin mit dem Schwerpunkt Mobbingprävention, spricht davon, dass jeder zehnte Jugendliche in Österreich von Mobbing betroffen ist. "Cybermobbing kommt seltener vor, die Auswirkungen auf das Opfer sind aber ungleich schlimmer, weil sich Fotos im Internet kaum noch löschen lassen", sagt sie.

Auch Strohmeier ist davon überzeugt, dass Präventionsarbeit in erster Linie in Schulen passieren müsste: "Da geht es auch um die Förderung von Medienkompetenz generell, viele Kinder und Jugendliche wissen gar nicht, was sie im Internet anrichten können."

Anzügliche Fotos von der Ex

Es gibt verschiedene Formen von Cybermobbing. Mädchen seien häufig davon betroffen, dass gekränkte Exfreunde anzügliche Fotos von ihnen verschicken. Männer würden immer öfter Opfer von sogenannter "Sextortion", also zuerst von einem Lockvogel zu einem Sex-Videochat überredet und dann mit dem Bildmaterial erpresst, erklärt Buchegger. Mit Beleidigungen in Whatsapp-Gruppen, denen oft bis zu 200 Leute angehören, seien bereits Volksschüler konfrontiert.

"Es ist dringend notwendig, dass sich Lehrer mit der Lebenswelt ihrer Schüler auseinandersetzen und digitale Kompetenz erwerben", ist Buchegger überzeugt. Eltern rät sie, das Problem ernst zu nehmen und eine Beratungsstelle zu kontaktieren. Seit Anfang des Jahres ist Cybermobbing im österreichischen Strafrecht verankert. Seither sind bei den Staatsanwaltschaften bereits 166 Fälle angefallen, heißt es vonseiten des Justizministeriums. (Katharina Mittelstaedt, 21.6.2016)

  • Mit Beleidigungen in Whatsapp-Gruppen seien bereits Volksschüler konfrontiert, sagt Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin des EU-geförderten Projekts saferinternet.at.
    foto: dpa / friso gentsch

    Mit Beleidigungen in Whatsapp-Gruppen seien bereits Volksschüler konfrontiert, sagt Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin des EU-geförderten Projekts saferinternet.at.

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