Gegen Island muss der Ball im Tor zappeln

20. Juni 2016, 18:04
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Am Mittwoch steigt in Paris der Showdown gegen Island. Nur ein Sieg würde den Verbleib Österreichs in Frankreich sichern. Teamchef Koller wird auf Alaba natürlich nicht verzichten

Ein weiterer Tag in Mallemort. Schule am Vormittag, das Unterrichtsfach lautete "Island". Lehrer Marcel Koller hat seinen Schülern Videos gezeigt, im Klassenzimmer wurde nicht geschwätzt, alle haben aufgepasst, zugeschaut und zugehört. Die Prüfung findet bereits am Mittwoch (18 Uhr, Liveticker auf derStandard.at) im Stade de France von Saint-Denis statt. Es ist sozusagen eine Abschlussprüfung. Sollte Österreich nicht gewinnen, wäre man durchgefallen, müsste am Donnerstag die Heimreise antreten. Nachsitzen kennt die EURO nicht.

Da Optimismus im österreichischen Fußball nach einem 0:2 gegen Ungarn und einem ermauerten 0:0 gegen Portugal alternativlos ist, geht man vom Einzug ins Achtelfinale aus. Sollte Portugal zur selben Zeit, nur in Lyon, Ungarn schlagen, wäre man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einer der vier besten Gruppendritten. Wer dann in der K.-o.-Phase Gegner ist, hängt von einigen nicht direkt beeinflussbaren Faktoren ab. Spanien am Samstag in Lens ist wahrscheinlich, Deutschland am Sonntag in Lille auch nicht auszuschließen. Eine Wahl zwischen Horror und Schrecken. Da man aber nie den zweiten vor dem ersten Schritt machen soll, wird das natürlich nicht thematisiert. Island ist schlimm genug.

Sprechstunde

Stefan Ilsanker und Marcel Sabitzer mussten nach dem Unterricht in die Sprechstunde. Hätten sie öffentlich übers Achtelfinale spekuliert, frage nicht. Koller erfährt alles, er hätte sie in die Ecke gestellt und die Eltern vorgeladen. Also sagte Ilsanker über den Weltranglisten-34. Island: "Brutal kompakt, brutal konsequent, bei Standards gefährlich. Gute Einzelspieler, sie können kontern." All das kann Österreich natürlich auch. Zumindest theoretisch. Hinzu kommt die prinzipielle Fähigkeit, ein Spiel zu bestimmen, zu pressen, den Ball in den eigenen Reihen zirkulieren zu lassen. Damit tun sich die Isländer schwer, sie versuchen es gar nicht, ihr Teamchef Lars Lagerbäck schätzt den Realismus. Das Künsteln überlassen sie anderen.

Island ist mit seinen 330.000 Einwohnern das kleinste Land, das je an einer EURO teilgenommen hat. Sabitzer gibt sich aber keinerlei Illusionen hin: "Sie werden uns das Leben schwermachen. Sie sind Hünen." Die beiden Leipzig-Legionäre wissen noch nicht, ob sie überhaupt der Startelf angehören, gegen Portugal ist das er Fall gewesen. Und sie sagten, was immer und überall gesagt wird. "Wir sind bereit." Der 27-jährige Ilsanker blickte noch kurz auf das Beisammensein mit Cristiano Ronaldo zurück. "Er hat den Elfer zwar verschossen, aber er hat in Pflichtspielen mehr Tore erzielt als ich in allen Trainings."

Auffrischung

Sabitzer hat am 30. Mai 2014 in Innsbruck gegen Island in der Anfangsformation debütiert, er erzielte das 1:0, Endstand 1:1. Die Erinnerung ist aufgrund der aktuellen Umstände aufgefrischt. "Das Gefühl, wenn der Ball im Netz zappelt, ist wunderbar."

Das Zappeln ist bei der EURO bisher verwehrt geblieben. Sabitzer tritt intensiv für eine radikale Änderung dieses Zustands ein. "Wir haben ja die Qualitäten in der Offensive." Und Österreich hat David Alaba, der gegen Portugal enttäuscht hat. Laut Ilsanker hat sich der Superstar bestens erholt, die Diskussionen über dessen Fähigkeiten "sind absolut unverständlich. Er ist der beste Spieler in Österreich seit ewigen Zeiten. Ich verstehe das ganze Getue nicht." Wenn Alaba gegen Ungarn nach 31 Sekunden statt an die Stange ins Tor treffe, "jubelt das ganze Land und er wird als Messias gefeiert".

Koller wird auf Alaba natürlich nicht verzichten. Kann sein, dass er von der Position des Zehners zurückbeordert wird. In diesem Falle würde allerdings eher Ilsanker als Julian Baumgartlinger auf der Bank sitzen. Der 22-jährige Sabitzer: "Ich bin für jede Minute dankbar, die ich spielen kann."

Regenwürmer und Mäuse als Zeugen

Am Montagnachmittag wurde in Mallemort hinter verschlossenen Türen trainiert. Nur Regenwürmer und Mäuse waren Zeugen. Dienstag, 11.30 Uhr, Abflug nach Paris. Um 15.45 Uhr wird Koller im Stade de France zu einer Pressekonferenz genötigt. Fragen nach Taktik und Aufstellung wird er mit einem milden Lächeln nicht beantworten. (Christian Hackl aus Mallemort, 21.6.2016)

  • Stefan Ilsanker, hier beim glücklichen 0:0 gegen den Portugiesen Moutinho, will am Mittwoch gegen Island mehr als nur das Glück zwingen. Wie er den Gegner erwartet? "Brutal kompakt, brutal konsequent, bei Standards gefährlich."
    foto: afp/ martin bureau

    Stefan Ilsanker, hier beim glücklichen 0:0 gegen den Portugiesen Moutinho, will am Mittwoch gegen Island mehr als nur das Glück zwingen. Wie er den Gegner erwartet? "Brutal kompakt, brutal konsequent, bei Standards gefährlich."

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