Fanzone Eiffelturm: Fußball essen Angst auf

21. Juni 2016, 10:36
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Die große Pariser Fanzone vor dem Eiffelturm gilt als verlockendes Ziel für Terroranschläge. Voll ist sie bisher nur, wenn Frankreich spielt. Ein Abend an einem Ort, an dem doch nur der Fußball zählt

Angst ist selten rational. Und doch ist sie da. Angst vor Spinnen, Angst vor Dunkelheit, Angst vor Terror. Sonntagabend in Paris ist es Letztere. Nicht stark, aber vorhanden. Es gab einen Doppelmord, aber im unmittelbaren Kontext der EM geschah noch nichts. Jede Autofahrt ist statistisch gesehen gefährlicher als ein Aufenthalt in einer der EM-Städte. Aber – Stichwort irrational – die zurückgelassene schwarze Reisetasche am anderen Métro-Bahnsteig ist plötzlich sehr interessant.

Alles bedeutungsschwer

Public Viewings und öffentliche Verkehrsmittel haben Sicherheitsexperten als einfachste Ziele für Anschläge ausgemacht. Zum Abschluss der Gruppe A trifft Frankreich auf die Schweiz, also auf in die Fanzone beim Eiffelturm. Die Anreise dauert wie fast alles im riesigen Paris lange; viel Zeit, um nachzudenken. Die Freundin schickt ein Herzchen, es fühlt sich bedeutungsschwerer an als sonst. Stichwort irrational.

Von der Métro spazieren die Menschenmassen in Richtung der Eingänge. Von wem geht die Gefahr aus? Gibt es überhaupt eine Gefahr? Welche Gefahr? Dem Racial Profiling im Kopf hat man bewusst vorgebeugt. Peinlich, dass es nötig ist, aber immerhin erfolgreich. Adieu, Angst.

Je näher die Fanzone kommt, desto normaler wird alles. Kinder spielen in den abgesperrten Straßen Fußball, Halbstarke grölen ihr Wunschergebnis: 3:0 oder 7:0, man ist sich uneinig. Gestört wird das Bild nur durch schwer bewaffnete Sicherheitskräfte. Die Polizisten schicken einen Rikschafahrer weg, die Urheber der in der Luft hängenden Marihuanaschwaden lassen sie unbehelligt. Sie haben andere Prioritäten.

Wer in die Fanzone will, muss durch drei Security-Checks. Diese sind gründlicher als vor einem durchschnittlichen Fußballspiel. Jacke auf, Rucksack öffnen, Sachen aus den Hosentaschen. Das schafft Sicherheitsgefühl, ganz rational – und erzeugt lange Schlangen. Die rund 25 Minuten Wartezeit in der ersten und längsten Wartezone vertreiben sich dieFans mit "Allez, les Bleus!"-Rufen. Auch "Qui ne saute pas n' est pas français!" erschallt immer wieder. Die französische Variante des "Wer nicht hüpft ..." macht die Verweigerer nicht zu Gegnerfans, es wird ihnen schlicht das Franzosentum abgesprochen. Das ist Beleidigung genug.

Die ersten zwei Checks führen Polizisten durch, bei der dritten Kontrolle sind es Privatsecuritys. Wieder sind alle Beteiligten auffällig freundlich. Auch das fördert das Sicherheitsgefühl. Der Schritt vorbei am letzten Mann in oranger Weste ist der Schritt in die endgültige Normalität. Hier liegt keine Angst in der Luft, nicht mal Anspannung, vielmehr freudige Erwartung. Die Franzosen rechnen offenbar mit einem Sieg, zumindest gehaben sie sich so.

Bis zu 92.000 Zuseher passen auf die 130.000 Quadratmeter vor dem Eiffelturm. Voll wird es nur, wenn Frankreich spielt. Neben den vielen Einheimischen finden sich auch genug andere Nationen, wer sich per Dress deklariert, nimmt gleich noch einige Klischees mit. Der Österreicher sudert: "Da is ja ka Platz zum Schauen!" Das deutsche Paar kommt in voller Montur – Dress, Hose, Stutzen – vom Bierstand, neben ihren Getränken tragen Herr Müller und Frau Schweinsteiger je einen aufblasbaren WM-Pokal in Schwarz-Rot-Gold. Die Nordiren stimmen "Don't take me home" an. Die meisten sind natürlich Franzosen. Klischees verblassen in einer Fanzone tausendmal und entstehen tausendundeinmal neu. Das Klischee des modebewussten Franzosen bleibt verblasst. Die Fanmeile ist kein Laufsteg.

Public Viewing eben

Und das Public Viewing? Ein Public Viewing eben. Mobile Bierverkäufer (6,50 Euro für 0,5 Liter), Sanitäter mit permanentem Blick auf die Leinwand, ein Betrunkener, der nach dem Motto Trial and Error Frauen anspricht, Grasgeruch. Die Marseillaise fällt anständig aus, nur setzt die Menge zu spät ein. Für Stimmungshighlights ist der neue Volksheld Dimitri Payet verantwortlich: Er wärmt auf, Jubel, er wird eingewechselt, Jubel, er donnert den Ball an die Latte, oooooooooooh! Spontan wird die Hymne wiederholt, diesmal inbrünstiger.

Und das Thema Terror? Es schaut noch mal vorbei. Erst- mals in der Pause an der Trinkwasserstelle, ein halbfreiwilliges Gespräch mit zwei eingespritzten Franzosen. Der Österreicher muss sich erst einmal für die Partie gegen Portugal auslachen lassen, dann eine Frage – im dritten Anlauf verständlich: "Are you scared of Daesh?" Die Antwort ist egal. "Don't be, don't be, everything is normal!" Der Franzose zeigt auf einen Polizeitruck. "The CRS are very good!" Was genau CRS ist, wird nicht erklärt, Bier muss her. Es ist die harte Einsatzpolizei.

In den Minuten 52 und 90 detonieren Böller. Angst kommt keine auf vor dem Eiffelturm. (Martin Schauhuber aus Paris, 21.6.2016)

  • Fanzonen sind kein Laufsteg und kein Platz für Menschen mit Platzangst.
    foto: apa / afp / dominique faget

    Fanzonen sind kein Laufsteg und kein Platz für Menschen mit Platzangst.

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