Ungleichheit in Österreich: Sprengstoff durch Erben

Kommentar20. Juni 2016, 18:03
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Die Ungleichheit ist schwer zu fassen

Ist Österreich ein Hort der Ungleichheit, wie es internationale Vermögensvergleiche suggerieren? Oder ist die Kluft zwischen Arm und Reich hierzulande etwas geringer als in anderen Ländern, wie es viele Beobachtungen nahelegen? Die jüngste Studie der Europäischen Zentralbank klärt diesen Widerspruch nicht auf, auch weil sich die Notenbank bewusst aus der hitzigen politischen Debatte heraushalten will. Aber sie gibt einige Hinweise darauf, warum Ungleichheit hier so schwer zu fassen ist.

Der Großteil der Österreicher besitzt keine Immobilien. Das hat Vorteile: Nur wenige Haushalte sind hochverschuldet; aber es bremst die Vermögensbildung. Dafür besteht das Vermögen der Reichen zumeist aus Sachanlagen – sprich Realitäten. Wenn wie zuletzt deren Preise steigen, wachsen oben die Vermögen, ohne dass diese Familien sich unbedingt reicher fühlen. Und Menschen, die langfristig günstig mieten, sind deshalb noch lange nicht arm, auch wenn sie auf der Vermögensskala unten stehen.

Zwei Faktoren stellen diese Betrachtungsweise allerdings infrage: Wenn es kaum noch unbefristete Hauptmieten gibt, dann führt fehlender Immobilienbesitz zu sozialen und finanziellen Nachteilen. Und während der Eintritt in günstige Mietverträge immer seltener wird, werden Immobilien fast immer vererbt. Unter Jüngeren geht die Schere dadurch auseinander. Dass Österreich keine Erbschaftssteuer einhebt, schafft längerfristig sozialen Sprengstoff. (Eric Frey, 20.6.2016)

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