Betörender Sound zwischen den Stühlen

20. Juni 2016, 17:43
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Das Bruckner-Orchester Linz mit Chefdirigent Dennis Russell Davies im Musikverein zwischen Jazz und Klassik

Wien – Knallrot hätte die E-Gitarre gar nicht sein müssen, um in diesem Rahmen aufzufallen: Ein Konzert mit dem Bruckner-Orchester Linz im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins entfernte sich denkbar weit vom gängigen Repertoire und wurde so am Saisonende des normalen Konzertbetriebs zu einer Art Vorboten für das Jazzfest Wien (28. 6. bis 11. 7.), das wieder eine Reihe von Szenegrößen, so etwa Keith Jarrett (9. 7.), in die Stadt bringen wird.

Vergangenen Sonntag brachte Chefdirigent Dennis Russell Davies mit seinem Orchester Musik von Grenzgängern zusammen, die allesamt mit einem Fuß im Jazz mehr oder weniger große Verrenkungen unternahmen, um einen Spagat in Richtung Klassik zu schaffen – oder umgekehrt.

Denn was Bernd Alois Zimmermann (vor allem aufgrund seiner Oper Die Soldaten ein gerühmter "Avantgardist") 1954 in Metamorphose als Musik zum gleichnamigen Film von Michael Wolgensinger schuf, nahm seinen Ausgangspunkt bei avancierten Klangskulpturen im Stile damaliger Neuer Musik. Dann versuchte sich das Stück querfeldein und fröhlich Schneisen in Richtung Big Band, Rock und Tanz zu schlagen, wobei man sich den Komponisten förmlich bei der Anstrengung, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, vorstellen konnte.

Abseits ausgetretener Pfade

Solche hehre Ernsthaftigkeit ist es nicht, was aus dem Second Prelude to the Primal Scream von Wolfgang Dauner oberflächlich hervortritt: Bei ihm ist ein großformatiger Third-Stream-Sound (im Sinne der Amalgamierung von Jazz und klassischem Orchester) die Grundlage für schräge Schlieren oder aber witzige Wendungen – vor allem mit einem Selbstzitat aus seiner Jazzoper Der Urschrei, wenn die Orchstermusiker rhythmisch zu sprechen beginnen: "Musik ist das Schönste, wir spielten erst für den Klerus, dann für die Fürsten, dann für das Bürgertum, dann für die Arbeiterklasse, jetzt für den Rechnungshof."

Es spricht für Dauner, dass er diesen Bruch kompositorisch wieder auffangen und mit kühnem Schwung zurück in ein kraftvolles Furioso zurückfinden konnte, das beim Bruckner-Orchester und seinem Chef in guten Händen war.

Das Schönste kam jedoch zum Schluss: Die Sketches of Spain, fünf Sätze von Miles Davis (auf Basis von Joaquin Rodrigo, Manuel de Falla und Gil Evans) intoniert in herrlichem, vollem, vielfältig gefärbtem Bläsersound und zentralem – dank des Solisten Till Brönner betörenden – Trompetenpart. Und das wirkte gar nicht nach "zwischen den Stühlen", sondern nur souverän und stimmig. Es blieb große Zustimmung und der Wunsch nach mehr – nach mehr solcher Erkundungen abseits ausgetretener Pfade. (Daniel Ender, 20.6.2016)

  • Dirigent Dennis Russell Davies.
    foto: ap / paul kolnik

    Dirigent Dennis Russell Davies.

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