Falsche Pyramiden um echtes Geld in Bosnien

21. Juni 2016, 07:00
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Esoteriker locken West- und Mitteleuropäer in das Städtchen Visoko – mit der Behauptung, es habe dort Pyramiden gegeben

"Besuche einige der kraftvollsten Heilungsplätze Europas! Magische Energien – wundervolle archäologische Kostbarkeiten. Die Kraftplätze und Energie-Phänomene im Tal der Pyramiden in Bosnien."

Mit solchen Sätzen versucht die Schweizerin Rosina Kaiser Landsleute, Deutsche und Österreicher nach Visoko, in eine kleine bosnische Stadt zu locken. Diesmal ist sie mit ein paar Schweizern hier. Es ist ihre zwanzigste Reise, wie sie erzählt, etwa 500 Leute habe sie bereits hierhergebracht. "Wir haben bei jeder Tour Heilungserlebnisse", berichtet sie. Die Pyramiden-Tour mit Frau Rosina Kaiser kostet 930 Euro – ohne Anreise. Angesichts dessen, dass ein Hotel in Visoko etwa 50 Euro pro Nacht kostet, kann man sich ausrechnen, was für sie übrig bleibt.

"Firmeninterna"

"Zu meiner Kalkulation werde ich mich nicht äußern. Das sind Interna aus meiner Firma", sagt Frau Kaiser. Sie ist überzeugt, dass es sich in Visoko "um historische Pyramiden" handelt, "die weit vor der bekannten Geschichte erbaut wurden". Sie denkt, dass dies aber wegen "der bekannterweise zensierten Presse-Berichterstattung" nicht berichtet werden dürfe.

Seit zehn Jahren wird hier an der Legende gebastelt, dass unter einigen Hügeln bei Visoko Pyramiden versteckt seien und eine nicht näher genannte "Zivilisation" diese vor 29.000 Jahren erbaut hätte. In Visoko sind allerdings weit und breit keine Zeugnisse einer "symbolträchtigen prähistorischen Hochkultur" zu sehen. Und eine "Weltsensation" ist höchstens, dass die Leute das tatsächlich glauben.

Neue Identität und Cowboyhut

Der Erfinder des Pyramiden-Kults nennt sich "Dr.sci Sam Semir Osmanagich, PhD". Eigentlich heißt der Mann Semir Osmanagic, aber weil er im Krieg nach Texas auswanderte und "Sam" dort besser ankommt als "Semir", kam er mit neuer Identität und Cowboyhut nach Bosnien-Herzegowina zurück, um seinen Landsleuten Marketing zu lehren. Marketing kann "Dr.sci Sam Semir Osmanagich, PhD" tatsächlich ziemlich gut. Laut seiner Webpage tourt er unentwegt durch Österreich, Slowenien, Griechenland, Israel, die Slowakei, Tschechien und die USA, um über die "bosnischen Pyramiden" zu erzählen.

Er behauptet, es handle sich um die größte von Menschen gefertigte Pyramidenanlage der Welt. Die "Sonnen-, Mond-, Drachen-, Mutter-Erde- und Liebespyramiden" seien unterirdisch mit Tunneln verbunden. Praktischerweise ist "Dr. Sam" Bauunternehmer und hat einige der angeblichen Tunnel selbst "ausgegraben". Bereits 2006 erklärte die Vereinigung europäischer Archäologen seine Behauptungen für einen "grausamen Schwindel".

Im Mittelalter wichtige Stadt

Der Hügel Visocica, den Herr Osmanagic "Sonnenpyramide" nennt, ist ein Ausläufer eines bosnischen Bergrückens, der auf zwei Seiten eine dreiecksähnliche Form hat. Geologen nennen die Felsformation "glattes Bügeleisen" ("Flatiron"). Esoteriker wie Frau Kaiser glauben aber, dass ein elektromagnetischer Strahl "mit einem Radius von viereinhalb Metern und einer 28-Kilohertz-Frequenz" aus der Sonnenpyramide heraustritt. Manche behaupten sogar, dass dieser Lichtstrahl die Pyramide erbaut habe.

Die Bosnier sehen die Besuche der wohlhabenden Esoteriker aus dem Norden pragmatisch. Armut macht Menschen anpassungsfähig. Die Stadtgemeinde Visoko verhält sich reserviert. Dabei war Visoko im Mittelalter tatsächlich eine wichtige Stadt, hier wurde der erste bosnische König Tvrtko gekrönt. Die Reste einer alten Kirche zeugen von diesen Glanzzeiten. Doch Geschäftsleute wissen, dass der Schabernack Geld bringt. Ein Hotel hier heißt "Sonnenpyramide", der Name "Beim Pharao" für einen Souvenirshop kann nur ionisch gemeint sein. (Adelheid Wölfl aus Visoko, 21.6.2016)

  • Malerisch: die Gegend rund um die kleine bosnische Stadt Visoko. Die Hügel im Hintergrund sind das Ziel der esoterischen Pyramiden-Touren. Pyramiden hat es hier aber nie gegeben. Archäologen sprechen von einem "grausamen Schwindel".
    foto: wölfl

    Malerisch: die Gegend rund um die kleine bosnische Stadt Visoko. Die Hügel im Hintergrund sind das Ziel der esoterischen Pyramiden-Touren. Pyramiden hat es hier aber nie gegeben. Archäologen sprechen von einem "grausamen Schwindel".

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