Paul Simon: Mit dem Rhythmus gegen die Stille

20. Juni 2016, 16:00
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Ohne es weltmusikalisch zu übertreiben, stellt Simon simple, eingängige Songs ins Zentrum seines 13. Soloalbums "Stranger To Stranger". Dessen Genese ging jedoch nicht ohne Ängste vonstatten

Wien – Nummer eins in England sein, das ist nicht nichts. Nicht einmal für Paul Simon. Der ist Erfolg zwar gewohnt, doch das kam doch überraschend. Wer Popkultur immer noch mit Jugendkultur gleichsetzt: Paul Simon wird heuer 75. Gelungen ist ihm dieser Charttopper mit seinem neuen Album Stranger To Stranger, seinem 13. Soloalbum nach der Weltkarriere als Mastermind des Folk-Duos Simon & Garfunkel.

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Simon ist es als Solokünstler öfter gelungen, sich von seiner scheinbar alles überragenden ersten Karriere zu emanzipieren, am eindringlichsten mit seinem 1986 erschienenen Album Graceland. Doch bis heute sind die alten Hadern von S&G jene, die in seinen Konzerten am meisten beklatscht werden. Und sie sind ja wirklich unkaputtbar.

Im Vorjahr plagten sich sogar die Metaller Disturbed durch eine Interpretation von The Sounds Of Silence, und wenn die John Otti Band das Lied heimsucht, erheben Strache, Kickl und Hofer im Trio ihre Stimmen, anstatt den Titel des Liedes zu ehren. Simons Lieder werden es überleben, so wie sie eine charmante Interpretation aus dem Eck des Punk überstanden haben, als die Lemonheads Mrs. Robinson beschleunigten.

Mrs. Robinson, das war eines der wenigen rhythmisch dominierten Stücke des New Yorker Duos, einer der wenigen Songs, die sich wenigstens ein bisschen in Richtung Uptempo bewegt haben. Rhythmen hatten es Simon damals schon angetan, allein sie passten nicht in die ätherische Folk-Formel, mit der sie hunderttausende Menschen in den New Yorker Central Park lockten, wenn sich die beiden wieder einmal zusammengerauft haben.

Nasenflöter und Zopfgeiger

Stranger To Stranger trägt der Rhythmusverliebtheit Simons Rechnung. Noch bevor die Globalisierung zum Synonym des hemmungslosen Kapitalismus wurde, schlug sie sich in der Musik als Weltmusik nieder. Als globale Folklore, die sich bediente, wo es ihr gefiel. Bei tibetanischen Nasenflötisten, armenischen Eutertrommlern, chilenischen Zopfgeigern, alles ging.

Das uferte natürlich über die Grenzen der Erträglichkeit aus, und heutzutage braucht man dafür nicht einmal mehr seinen Hintern aus der Tür zu tragen, übers Netz bezieht man derlei Inspiration. Simons neues Album ist zurückhaltend weltmusikalisch. Denn die Welt ist ja ein Club geworden, den gewisse Insignien als solchen ausweisen. Simon spielt auf dem über mehrere Jahre entstandenen und immer wieder nachgeschärften Album mit dem italienischen Elektroniker Cristiano Crisci zusammen. Der nennt sich als Musiker Clap! Clap!

Klingt kindisch, ist aber Programm. Crisci gibt auf fünf Liedern den rhythmischen Ideen der Songs ihre Richtung, balanciert die Bässe mit den filigranen Streuseln, mit denen der Meister seine zart-süßlichen Lieder bestreut. Doch selbst wenn er vielen Songs ein Zuckerhäubchen verpasst, die Themen sind durchaus schattig.

Simple, eingängige Songs

In den Linernotes spricht er von Angst und Ideenlosigkeit sowie einem emotionalen Winter, der vor ein paar Jahren seine Ehe heimgesucht hat und der Welt einen Mugshot von Paul Simon bescherte, ein Polizeifoto, das nach einer häuslichen Eruption aufgenommen worden war.

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Doch Simon erholte sich, rief seinen "Old Partner" Roy Halee ins Studio und besann sich seiner ureigensten Fähigkeiten: Simple, eingängige Songs schreiben. Diese überhäuft er mit Ideen. Etwa mit der lässig brummenden Tuba in Cool Papa Bell. Im Hit des Albums, Wristband, erzählt er eine Geschichte aus dem Alltag eines Popstars, der sich, ohne das Armband, das ihn als solchen ausweist, aus einem Konzertsaal ausschließt. Blöde Sache.

Dazu jazzelt der Bass, säuselt die Elektronik, klatschen Mitmusiker fröhlich in die Hände. Im Opener The Werewolf geißelt er den Raubtierkapitalismus und verliert sich in dem seiner Frau zugedachten In The Garden Of Edie in einem nachdenklichen Instrumental. In Summe ergibt das ein wohltemperiertes Album, das seine Geschlossenheit vor einzeln herausragende Titel stellt. Übung gelungen. (Karl Fluch, 20.6.2016)

  • Paul Simon veröffentlicht sein 13. Soloalbum. Auf "Stranger To Stranger" balanciert er  seine rhythmischen Vorlieben mit seinem Talent für simple, eingängige Songs.
    foto: universal music / myrna suarez

    Paul Simon veröffentlicht sein 13. Soloalbum. Auf "Stranger To Stranger" balanciert er seine rhythmischen Vorlieben mit seinem Talent für simple, eingängige Songs.

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