Indiens Notenbankchef wirft überraschend das Handtuch

20. Juni 2016, 14:15
posten

Kritik aus der Regierungspartei an Zinspolitik wuchs

Mumbai – Indiens Zentralbankchef Raghuram Rajan wirft überraschend das Handtuch. Der am Wochenende bekannt gemachte Verzicht auf eine zweite Amtsperiode erfolgt nach wachsender Kritik aus Teilen der Regierungspartei von Ministerpräsident Narendra Modi. Nach Ablauf seines Vertrages Anfang September werde er wieder an der Universität arbeiten, hieß es in einem Schreiben Rajans an die Notenbankmitarbeiter.

In Regierungskreisen wurden Zeitpunkt wie Art und Weise seiner Ankündigung als überraschend bezeichnet.

Guter Ruf

Zu Modi wurde Rajan eine gutes Arbeitsverhältnis nachgesagt. Finanzminister Arun Jaitley attestierte dem noch von der Vorgängerregierung eingesetzten Notenbankgouverneur, "gute Arbeit" geleistet zu haben. Auch unter Investoren genoss der frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF) hohe Wertschätzung. Viel Lob erntete er etwa für seinen als souverän gewürdigten Umgang mit der schwersten Währungskrise des Landes seit zwei Jahrzehnten. Ferner trug er maßgeblich dazu bei, dass die Teuerung durch ein offizielles Inflationsziel in Schach gehalten werden soll.

Unvollendet bleiben allerdings zwei weitere Projekte: die Sanierung des hoch verschuldeten Bankensektors und die Schaffung eines geldpolitischen Ausschusses, der innerhalb der Zentralbank die Höhe der Zinsen bestimmt. Schon bei seinem Amtsantritt 2013 war Rajan von heimischen Medien als "Rockstar" und "James Bond" gefeiert worden.

Für scharfe Kritik im Regierungslager sorgte allerdings, dass die Zinsen in Indien deutlich höher sind als in anderen Teilen der Welt. Zudem wurde Rajan Einmischung in die Politik vorgeworfen. Analysten gingen davon aus, dass sein Weggang am Montag für Unruhe an den indischen Finanzmärkten sorgen wird.

Roter Teppich für Investoren

Auf die Rücktrittsankündigung des bei ausländischen Investoren beliebten Notenbankchefs folgte am Montag die Ankündigung der Regierung, man wolle sich diesen Investoren wie Apple und Ikea stärker öffnen. Die Regierung gab ein umfangreiches Reformprogramm bekannt, das unter anderem auch Direktinvestitionen im Verteidigungssektor und im Bereich der zivilen Luftfahrt erleichtern soll.

Bis jetzt waren Rüstungsfirmen beim Engagement in dem südasiatischen Land eher zurückhaltend, da sie an Produktionsstätten in Indien nicht den Mehrheitsanteil halten durften. Sie befürchteten ohne ausreichende Kontrollrechte den Abfluss von technologischem Wissen. Nach der Reform dürfen sie nun mehr als 49 Prozent der Anteile halten. Auch Firmen aus der Pharmabranche und dem Einzelhandel sollen von gelockerten Regeln für ausländische Direktinvestitionen profitieren. (APA/Reuters, 20.6.2016)

  • Noch-Notenbankchef Raghuram Rajan.
    foto: reuters/danish siddiqui

    Noch-Notenbankchef Raghuram Rajan.

Share if you care.