Selbst Millionäre glauben in Österreich, sie gehören zur Mitte

20. Juni 2016, 17:51
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Die große Mehrheit der Menschen in Österreich fühlt sich der Mitte zugehörig. Selbst Millionäre. Die reichere Hälfte profitiert von steigenden Immopreisen

Wien – Je größer das Vermögen eines Menschen, desto weniger ist er in der Lage, seine Position im sozialen Gefüge in Österreich richtig einzuschätzen. Das zeigt eine großangelegte Befragung der Oesterreichischen Nationalbank. So gehen selbst Millionäre davon aus, dass sie zur Mitte der Gesellschaft gehören. Dabei besitzen in Österreich, wenn man die Schulden abzieht, nur die reichsten fünf Prozent der Haushalte ein Vermögen von mehr als 800.000 Euro.

Aber auch die ärmsten Haushalte gehen davon aus, dass es noch viel ärmere als sie gibt. In den Köpfen dominiert also so etwas wie eine Tendenz zur Mitte. Bei den ärmsten zehn Prozent der Haushalte schätzt sich jeder Dritte in der Verteilung richtig ein. Zu den obersten 40 Prozent fühlt sich hingegen fast niemand zugehörig.

Die Zahlen stammen aus einer repräsentativen Umfrage, bei der 3.000 österreichische Haushalte mitgemacht haben. Die Befragung wurde zum zweiten Mal im Auftrag der Europäischen Zentralbank durchgeführt. Im Vergleich zum vorherigen Mal schätzen die Menschen ihren relativen Wohlstand noch schlechter ein, sagte der Nationalbankökonom Martin Schürz am Montag bei der Präsentation der Zahlen zu Journalisten.

Verteilung etwas gleicher

Die Verteilung der Vermögen hat sich in Österreich zwischen 2010 und 2014 etwas angeglichen. So besitzen die obersten zehn Prozent der Haushalte in der aktuellsten Befragung 56 Prozent des Nettovermögens. 2010 waren es noch 61 Prozent. Das liegt daran, dass die Immobilienpreise zuletzt stark gestiegen sind. Die reichere Hälfte Österreichs ist also etwas zusammengerückt. Ökonom Schürz warnt aber vor einer Überinterpretation der Daten. Denn der reichste Mensch, der für die Umfrage gewonnen werden konnte, besitzt gerade einmal einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag.

Es werde immer schwieriger, wirklich Reiche für Vermögenserhebungen zu bekommen. Ein Phänomen, das Wissenschafter rund um den Globus kennen: Reiche reden nicht gern über ihr Geld.

Ob die Schere zwischen Arm und Reich in Österreich aufgeht, will Schürz auf Nachfrage des STANDARD nicht beantworten. Es gibt widersprüchliche Indikatoren. Teilt man Österreich in 100 Haushalte auf, ist der Abstand zwischen dem Haushalt auf Platz 90 und zehn der Verteilung gesunken. Vergleicht man den Haushalt auf Position 75 mit dem auf Position 25, ist der Abstand gestiegen. Er besitzt 28-mal so viel, 2010 hatte er nur 24-mal mehr.

Der Anteil der unteren Hälfte am Nettovermögen ist im Vergleich zur Befragung aus 2010 relativ konstant bei etwa drei Prozent geblieben. 1,9 Millionen Haushalte sind in Österreich also quasi ohne relevanten Vermögensbesitz. Das ist für Schürz auch eine der relevantesten Erkenntnisse der Erhebung.

Formale Bildung wichtig

Bei der Befragung wird die Person um Antworten ersucht, die die Finanzsituation des Haushalts am besten kennt. War diese Person auf einer Universität, betrug das Vermögen im Durchschnitt knapp 600.000 Euro. Hatte sie eine Matura, war es etwa die Hälfte, hatte die sogenannte "Referenzperson" maximal einen Lehrabschluss, betrug das Vermögen des Haushalts nur mehr 160.000 Euro.

Das durchschnittliche Nettovermögen liegt bei 258.000 Euro. Es konzentriert sich aber oben: Wer 86.000 Euro hat, besitzt mehr als die Hälfte der Haushalte.

Wenig Daten

Über die Entwicklung der Vermögensverteilung lässt sich in Österreich relativ wenig sagen. So gibt es zwar vereinzelte Statistiken zu Immobilien und Wertpapieren, der Wissensstand über die Verteilung der gesamten Vermögen der vergangenen Jahrzehnte ist aber überschaubar. Die Erhebung der Nationalbank findet künftig alle drei Jahre statt.

Die EZB hat die nationalen Notenbanken damit beauftragt, um eine effektivere Geldpolitik betreiben zu können. Wer viel Vermögen besitzt, reagiert auf eine Wirtschaftskrise anders als jemand, der nichts hat. Die Erhebung ist die umfassendste zum Thema in Österreich. (Andreas Sator, 20.6.2016)

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    foto: dpa/frank rumpenhorst
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