Körperverletzungsprozess: Kein Weihnachtsfriede in der Millennium City

24. Juni 2016, 07:00
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Ein 38-Jähriger soll in einem Einkaufszentrum einen Gegner bei einem Verkehrsstreit geschlagen haben. Er ist kein unbeschriebenes Blatt

Wien – Der Versuch, zur Mittagszeit des 23. Dezember noch ein Geschenk zu ergattern, endete für Andreas E. mit einem blauen Auge. Verursacht durch Aaron K., was den 38-Jährigen mit einer Anklage wegen Körperverletzung und Nötigung vor Richter Stefan Erdei gebracht hat.

Man erfährt schon zu Beginn der Verhandlung Erstaunliches – der Angestellte hat zehn Millionen Euro Schulden. "Ich wurde da unabsichtlich in eine Sache verwickelt", erklärt er dem Richter. "Ich musste die Sache auf mich nehmen, damit ich nur zu drei Monaten verurteilt werde und mein Bleiberecht nicht verliere", sagt der Israeli zu seiner Vorstrafe wegen eines Finanzvergehens.

Zu der von Staatsanwältin Tatjana Spitzer-Edl vertretenen Anklage bekennt er sich teilweise schuldig. "Über die Körperverletzung gibt es keine Diskussion, Weihnachtsfriede war das keiner damals in der Millennium City", sagt auch sein Verteidiger Walter Deutschmann.

Streit in der Tiefgarage

Der Vorfall ereignete sich in der Garage des Einkaufszentrums. Die K. damals verlassen wollte. "Die eine Ausfahrt war aber wegen eines Unfalls blockiert", erinnert er sich. Die Benutzung der zweiten verhinderte ein herumstehender Volvo.

"Er ist eine Zeitlang gestanden, ich wusste nicht, was er macht. Ich bin dann hingegangen und habe gefragt, worauf er wartet. Der Herr hat gesagt, auf einen Parkplatz. Ich habe ihn gefragt, wie er sich das vorstellt." Die angebliche Reaktion sei unfein gewesen. "Geh scheißen, schleich dich, du Oaschloch", soll der Kontrahent durch das offene Seitenfenster verlangt haben.

"Dann hat er mit der rechten Hand nach etwas gegriffen", behauptet der Angeklagte. Bei der Polizei sagte er noch aus, es sei ein Messer gewesen, nun will er nur noch einen silbernen Gegenstand wahrgenommen haben. K. verpasste jedenfalls seinem sitzenden Gegner einen Faustschlag aufs linke Auge.

Absurder Reflex

"Aber warum sind Sie nicht einfach einen Schritt zurückgegangen?", wundert sich Erdei. "Es war ein Reflex", sagt der Angeklagte. "Aber das ist ja völlig absurd: Selbst wenn es ein Messer gegeben hätte, der kann Sie im Sitzen ja gar nicht erreichen!", hält ihm der Richter vor. "Ja, meine Reaktion war nicht sehr nett, ich bereue es auch."

Der Herr sei dann ausgestiegen und habe angekündigt, die Polizei zu rufen. "Das hat er aber nicht gemacht, er hat mich nur gefilmt. Nach zehn, fünfzehn Minuten war dann die andere Ausfahrt wieder frei, und ich wollte fahren. Da hat er mir auf die Motorhaube geschlagen und gegen die Tür getreten." Daraufhin sei er im Leerlauf losgerollt, um E. zu vertreiben.

Er habe sein Gegenüber auch abgelichtet, sagt K. und zeigt dem Richter Bilder auf dem Mobiltelefon. "Ich mag die neuen Medien. Früher haben die Leute aufeinander geschossen, jetzt filmen sie sich gegenseitig, was zweifellos vorzuziehen ist", merkt Erdei an, den auch stutzig macht, dass K. nicht die Polizei alarmiert habe. "Wenn mich jemand mit einem Messer bedroht, rufe ich sofort 133."

Staatsanwältin sorgt für Wendung

Noch vor dem Zeugenauftritt des Verletzten gibt allerdings Anklägerin Spitzer-Edl dem Verfahren eine Wendung. Denn K. hat zwar nur eine gerichtliche Vorstrafe – allerdings wurden zwischen 2007 und 2015 drei Verfahren wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung mit einer Diversion geregelt.

"Um was ist es denn da gegangen?", fragt die Staatsanwältin nach. Der Angeklagte hat Erinnerungslücken. Wie sich herausstellt, betraf einer der Vorfälle einen Streit um einen Parkplatz. "Es schaut ein bisschen so aus, als ob Sie ein Häferl sind", kann sich Erdei nicht verkneifen.

Der 56-jährige Andreas E. schildert die Situation ganz anders. "Ich wollte noch ein Geschenk besorgen und das von der Ausgabestelle des Elektromarktes abholen. Es war voll, ich habe gesehen, dass jemand ausparkt, und mich hingestellt."

Wortloser Faustschlag

Als er zurücksetzen wollte, bemerkte er, dass hinter ihm jemand stand. Dieser jemand stieg aus dem Auto und kam zur Fahrertür. "Das war Augenblicke später. Ich habe das Fenster heruntergelassen, um zu sehen, was er will. Dann hat er mir wortlos aufs Auge geschlagen."

Er habe die Polizei rufen wollen, aber keinen Handyempfang gehabt. "Dann habe ich ein Foto gemacht. Plötzlich hat er Gas gegeben und mich massiv angefahren. Ich bin im hohen Bogen auf seine Motorhaube geflogen, danach noch ein zweites Mal", behauptet E.

Was sich eher nach einem Mordversuch anhört. Allerdings: Eine Stunde nach dem Streit wurde im Krankenhaus zwar der Bluterguss am Auge festgestellt – aber keine anderen Verletzungen wie Prellungen oder Schürfwunden. "Ich hatte Glück, dass ich mich nicht verletzt habe", sagt E., der 3.000 Euro Schmerzensgeld verlangt.

Selbst die Anklagebehörde geht maximal von einem leichten Touchieren aus, daher kam der Nötigungspunkt dazu. "Ich glaube, es war genau so, wie es die Staatsanwältin geschildert hat. Dass das Opfer es jetzt etwas lebendiger schildert, kann schon sein, aber eine Nötigung ist es", begründet Erdei, nachdem er K. rechtskräftig zu drei Monaten bedingt verurteilt hat. (Michael Möseneder, 24.6.2016)

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