Mercedes-Benz: Wie man ins Morgen-Land fährt

23. Juni 2016, 15:58
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Daimler schaltet bei der Zukunftsmobilität in den Vollgasmodus: Im Herbst kommt der neue Elektro-Smart, nächstes Jahr folgt ein GLC mit Brennstoffzelle. Woran die Deutschen sonst noch arbeiten, verrieten sie in einem Techniktag. Jedenfalls manches davon

Stuttgart – "Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben", sagte Einstein einmal. "Nichts Wahres lässt sich von der Zukunft wissen", bremste der nicht minder kluge Schiller Kaffeesudleser, und sich in diesem Spannungsbogen zu bewegen, ist auch die Technikzunft gut beraten. Hinsichtlich Mobilität der Zukunft gilt die Faustregel: Nix ist fix, und so ist es wenig erstaunlich, wenn selbst eine Technologiesupermacht wie Daimler kaum wagt, verlässliche Prognosen über ein, zwei Dekaden hinaus zu stellen.

Der deutsche Konzern zählt zu den ganz wenigen weltweit, die sich fachlich und wirtschaftlich überhaupt eine sogenannte Fächerstrategie leisten können – die also möglichst alle hinsichtlich Zukunftspotenzial verdächtigen Antriebstechnologien im Visier behalten. Und wie man nun konkret in das Morgen-Land zu fahren gedenkt, das tat man nun im Rahmen eines Techniktages kund.

Fußball-Wuchteln

Thomas Weber, Vorstand Forschung und Entwicklung, umriss gleich einmal die wesentlichsten Punkte und bekundete die feste Absicht seines Unternehmens, immerhin Erfinder des Automobils (vor 130 Jahren), ein "Champion in diesem Spiel" bleiben zu wollen. Wuchteln aus dem Fußballjargon sind derzeit aufgelegt – und einen direkten Zug zum Tor, das emissionsfreies Fahren heißt (oder, wie Weber meinte, "für die Verbesserung der Spielkultur"), wollen die Stuttgarter in diesem Konnex für sich reklamieren.

Denn. Allein in den nächsten beiden Jahren investiert Daimler 14,5 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung, über die Hälfte davon fließe in "grüne Technologien". Dabei befolgt man einen – nein, nicht groß-, sondern dreispurigen Ansatz: 1.) Optimierung des Verbrennungsmotors (bleibt auf lange Sicht Rückgrat der individuellen Mobilität). 2.) Konsequente weitere Hybridisierung. 3.) Lokal emissionsfreies Fahren mit Batterie und/oder Brennstoffzelle.

Jetzt geht's looos

Wir steigen gleich mit dem letzten Punkt des letzten Punktes ein. Immerhin hatte Daimler bei Wasserstoff/Brennstoffzelle über 20 Jahre hinweg eine Pionierrolle inne, vom Pkw bis zum Bus, und dabei beachtliche Leidensfähigkeit unter Beweis gestellt. Die sind also gar nicht so unglücklich, dass Toyota (Mirai), Honda (Clarity) und die ehrgeizigen Hyundai-Koreaner (ix35 Fuel Cell) ein wenig vorpreschen und in Serienfahrzeugen quasi mit Wasser Stoff geben – im über den Lebenszyklus gerechnet vier- bis maximal niedrigen fünfstelligen Stückzahlbereich.

Ja, und jetzt, Kapelle: Tusch!, steigt auch Mercedes ein. 2017, praktisch morgen, lanciert der Hersteller den GLC F-Cell, man rechnet mit einer Serienfertigung im vierstelligen Bereich.

F-Cell-Plug-in

Mercedes wäre nicht Mercedes, hätte man sich dazu nicht was extra einfallen lassen. Kombiniert werden hier nämlich Brennstoffzellen- und Plug-in-Technologie – an Bord ist folglich auch eine Batterie zum Aufladen an der Steckdose. Erstmals, darauf kam es den Ingenieuren besonders an, passt das Brennstoffzellensystem (30 Prozent kleiner bei 40 Prozent mehr Leistung und 90 Prozent weniger Platinanteil) in einen konventionellen Motorraum. Aus der Kombination der beiden Energiespeicher (Wasserstofftank, Lithium-Ionen-Batterie) resultiert laut Weber eine Normzyklusreichweite von etwa 500 Kilometern.

Vor dem GLC F-Cell, vielleicht noch heuer gegen Jahresende, startet der neue E-Smart, als Zwei- und Viersitzer. Und damit alle Welt sieht, dass die Elektromobilität kein Feigenblatt oder Lippenbekenntnis ist, entwickelt man eine eigene Fahrzeugarchitektur für batterieelektrische Fahrzeuge – als Erstling ist ein "großes Elektromobil von Mercedes" mit bis zu 500 km Reichweite avisiert.

Herkunftsmascherl

Sowohl bei der Brennstoffzelle als auch beim E-Auto bedeutet die (Tank- und Lade-)Infrastruktur ein anhaltendes Ärgernis (beim Wasserstoff ist das noch evidenter, denn immerhin ist ein flächendeckendes Stromnetz vorhanden); und vom Herkunftsmascherl beider Energieträger reden wir jetzt gar nicht. Beim E-Auto ist ferner das Hantieren mit den Ladekabeln wenig nadelstreif- und chanelkostümkompatibel, das spielt bei einem Nobelhersteller wie Mercedes eine Rolle, und darum lässt sich die S-Klasse ab 2017 auch pipifein induktiv laden.

Die andere Sache, dass die großen Batterielieferanten in Korea, Japan, China sitzen, empfindet die stolze Hightechnation Deutschland ebenfalls als demütigend. Daimler tut was dagegen und baut im sächsischen Kamenz in zweiter Ausbaustufe eigene Batterien.

Webers Fazit: "Wir erleben dramatische Veränderungen, aber es ist ungemein spannend." In Summe sieht sich Daimler breit aufgestellt und für alle Fälle gerüstet. (Andreas Stockinger, 23.6.2016)

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Mercedes

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

  • 14,5 Milliarden Euro nimmt der Konzern in den nächsten zwei Jahren in Forschung und Entwicklung in die Hand für die Mobilität der Zukunft.
    foto: andreas stockinger

    14,5 Milliarden Euro nimmt der Konzern in den nächsten zwei Jahren in Forschung und Entwicklung in die Hand für die Mobilität der Zukunft.

  • Was auf uns zukommt: 2017 ein Brennstoffzellen-GLC, noch heuer ein neuer E-Smart ...
    foto: daimler

    Was auf uns zukommt: 2017 ein Brennstoffzellen-GLC, noch heuer ein neuer E-Smart ...

  • ... sowie bald ein weiteres, aber großes Elektromobil von Mercedes mit 500 Kilometer Reichweite.
    foto: daimler

    ... sowie bald ein weiteres, aber großes Elektromobil von Mercedes mit 500 Kilometer Reichweite.

  • Ebenfalls 2017 kommt eine induktiv ladbare Plug-in-S-Klasse.
    foto: andreas stockinger

    Ebenfalls 2017 kommt eine induktiv ladbare Plug-in-S-Klasse.

  • Viel Potenzial ortet man auch noch im Verbrennungsmotor und bei Plug-in-Hybrid.
    foto: andreas stockinger

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