Zivilisiert für Heinz Fischer

19. Juni 2016, 19:52
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Eine Abschiedsmatinee mit Kanzler, Vizekanzler, ausländischen Staatsmännern, Wegbegleitern und viel Kultur im Burgtheater

Wien – Es war das, was man "zivilisiert" nennt. Der schwarze Vizekanzler Reinhold Mitterlehner hielt eine Rede, die mindestens so herzlich, persönlich war, wie die des roten Kanzlers Christian Kern.

Die beiden standen nebeneinander auf der Bühne des Burgtheaters und feierten Heinz Fischer, der jetzt bald die Hofburg verlässt. Kern würdigte unter anderem die Rolle des jungen Fischer beim Widerstand gegen den antisemitischen Universitätsprofessor Taras Borodajkewycz vor 50 Jahren, Mitterlehner das kluge, wirtschaftsfördernde Verhalten Fischers bei Staatsbesuchen wie etwa vor kurzem im Iran. Kern meinte, die Nachdenklichkeit, die Fischer auszeichne, lasse ihn fast "ein bisschen wie aus der Zeit gefallen" wirken. Mitterlehner: "Fischer ist populär, aber kein Populist." Dazu ein Kulturprogramm, getragen von Humor, kleinen Juwelen aus der österreichischen Literatur und feinen musikalischen Darbietungen. Kein Pathos, kein "Möge...!"-Gedöns, kein pompöser Staatsakt. Heiter, aber würdig. Das Haus war voll mit Wegbegleitern.

Die politischen Töne schlugen die ausländischen Gäste an. Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn hielt klar fest: "Für Heinz Fischer ist das 'australische Modell' in der Flüchtlingsfrage keine Referenz." Der hiermit angesprochene Außenminister Sebastian Kurz hatte keinen freien Platz in seinem Terminkalender an diesem Sonntagvormittag gefunden. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier betonte, wie sehr ihm Heinz Fischer in vielen Gesprächen seine innere Anteilnahme an der Flüchtlingsfrage gezeigt habe.

Sportlicher Präsident

Dann erzählten Asselborn und Steinmeier, wie sie vom berüchtigt sportlichen Fischer über die Gebirgssteige in der Umgebung der Präsidentenvilla Mürzsteg gejagt wurden. Der bolivianische Präsident Evo Morales bedankte sich per Video noch einmal dafür, dass Heinz Fischer bei einer von den US-Amerikanern erzwungen Zwischenlandung in Wien mitten in der Nacht klug interveniert hatte. Volkes Stimme kam durch ein Zufallsinterview im Volksgarten zu Wort.

Das Festprogramm, durch das Barbara Rett elegant führte, wies die Namen Dirk Sterman, Peter Hörmannseder (maschek), Elisabeth Orth, Peter Matic, den Geiger Yury Revich, Cornelius Obonya, Silke Hassler, Peter Turrini, Rudolf Buchbinder, Robert Reinagl und Petra Morzé auf. Also in etwa das, was manche Leute die "Hautevolee", andere aber ein "Best of Austrias Kultur" nennen würden. Die Gardemusik Wien und der Wiener Singverein. Und die Buben vom SK Rapid Nachwuchs: Kerem, Dennis, Rudolf, Oluwaseun, Tristan, Leo, Emirhan und Manuel.

Heinz Fischer selbst erzählte die Anekdote, wie er im privaten Kreis einmal den G'schupften Ferdl von Gerhard Bronner sang (dessen Text er auswendig kannte), sich aber dennoch nicht traute, zu Bronners Achtziger im Konzerthaus vor Publikum den Ferdl zu singen, obwohl ihn Bronner dazu drängte. Das gilt auch ein wenig für den Bundespräsidenten Fischer: im Hintergrund sehr wohl und oft mit Erfolg aktiv (etwa bei der Verhinderung von populistischen Blödheiten), aber mit öffentlichen Auftritten sparsam.

P.S.: Da auch die umfassende Bildung des scheidenden Präsidenten gelobt wurde, eine Zusatzinfo aus persönlicher Erfahrung: Heinz Fischer kann die ersten zwei, drei Dutzend Verse von Homers Ilias auswendig. Auf Altgriechisch. (rau, 19.6.2016)

  • Matinee für einen Präsidenten: Künstler und Weggenossen huldigten am Sonntag Heinz Fischer.
    foto: cremer

    Matinee für einen Präsidenten: Künstler und Weggenossen huldigten am Sonntag Heinz Fischer.

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