1976: Penalty à la Panenka

Video19. Juni 2016, 18:08
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Mit einem Kunstwerk, bei Bohemians Prag ausgiebig getestet und außerhalb der ČSSR trotzdem völlig unbekannt, entschied der Schnauz das Endspiel gegen die BRD. Referee Schiller rettete die Lage in Lindabrunn

Der Eintrag im Cambridge Dictionary lautet wie folgt: "A penalty kick in football in which the ball is gently chipped (= sent high into the air for a short distance) into the goal after the goalkeeper has dived to one side of the goal." Es handelt sich hierbei natürlich um den Panenka Penalty.

Antonín Panenka, der Schöpfer des Kunstwerks, löffelte dergestalt die Auswahl der ČSSR im Elfmeterschießen zum Triumph über Titelverteidiger BRD. Er hatte seine Technik bei Bohemians Prag ausgiebig getestet und perfektioniert, trotzdem war sie außerhalb der ČSSR völlig unbekannt – dem Eisernen Vorhang sei Dank. Panenka war sich seiner Sache sicher – dennoch, ein Risiko blieb. "Wäre es schiefgegangen, hätten sie mich zu 30 Jahren Fabriksarbeit verdonnert."

Man sah Panenka sein Genie nicht an. Der Mann kam völlig harmlos daher, steifen Schritts, mit Topffrisur und Schlosserschnauz. Auf dünnen Beinen ruhte ein fassförmiger Oberkörper. Doch Beweglichkeit war unnötig. Panenka standen andere Qualitäten zu Gebot: Übersicht, Auffassungsgabe, perfekte Technik. "Mir hat immer gefallen, wenn der Ball genau das gemacht hat, was ich von ihm wollte", sagte er einmal dem Fachmagazin "Ballesterer".

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Ein Elfer und viel mehr Panenka, mit und ohne Bart.

Nahm Panenka einen Freistoß in Angriff, konnte der Platzsprecher schon einmal die Lippen zur Torverkündigung anfeuchten. Die Erfolgsquote kratzte an hundert Prozent. Legionen hilfloser Keeper blieben zurück, bewegungslos Ballflug und Einschlag verfolgend.

Im Endspiel zu Belgrad hätte es zu einem Elfmeterschießen eigentlich gar nicht kommen sollen, das Reglement sah für den Fall eines Unentschiedens nach Verlängerung ein Wiederholungsspiel vor. Bei der Uefa war jedoch ein Antrag eingelangt, stattdessen eine Entscheidung vom Penaltypunkt herbeizuführen. Absender: der deutsche Fußballbund. Nachdem die Zustimmung der Tschechoslowaken eingeholt worden war, wurde die Sache positiv beschieden.

Notstand in Lindabrunn

Österreichs Teamspieler, wie üblich in der Qualifikation hängengeblieben, hätten um ein Haar das Finale, das die Deutschen nach letztminütlichem 2:2-Ausgleich in der regulären Spielzeit im Elferschießen in Person von Uli Hoeneß eigentlich selbst versemmelten, nicht einmal vor dem Fernseher verfolgen können. Helmut Senekowitsch hatte seinen Kader zur Vorbereitung auf ein Testspiel gegen die UdSSR in der nagelneuen Sportschule Lindabrunn kaserniert, als sich eine echte Katastrophe anbahnte. Im Hobbyraum fehlte ein TV-Gerät. Fifa-Referee Paul Schiller, im Zivilberuf Verkaufsleiter eines Elektrokonzerns, rettete die Lage, indem er einen Apparat requirierte und hernach auch noch eigenhändig installierte. (Michael Robausch, 19.6.2016)

  • Pankenka im Kreise der tschechoslowakischen Europameister 1976 (vorne, Vierter von rechts).
    foto: imago

    Pankenka im Kreise der tschechoslowakischen Europameister 1976 (vorne, Vierter von rechts).

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