Polizeigewalt gegen Demonstranten in Istanbul

19. Juni 2016, 18:49
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Tränengas auf Homosexuellen-Kundgebung und Proteste gegen Islamistenangriff auf Musikgeschäft

Istanbul – Nach dem Verbot der Gay-Pride-Parade ist die Polizei in Istanbul gewaltsam gegen einige Dutzend Teilnehmer einer Demonstration für die Rechte Homosexueller vorgegangen. Die Beamten setzten nach Angaben eines AFP-Fotografen Gummigeschoße und Tränengas ein, um die Kundgebung aufzulösen.

Etwa 50 Anhänger der Homosexuellen-Bewegung und rund hundert Unterstützer nahmen an der Demonstration in der Nähe des Taksim-Platzes im Zentrum der türkischen Metropole teil. Sie sahen sich einem Aufgebot von mehreren hundert Spezialkräften gegenüber. Als diese gewaltsam gegen die Demonstration vorgingen, flohen die Teilnehmer in die umliegenden Gassen. Laut türkischen Medienberichten wurden zwei Demonstranten festgenommen.

Regenbogenfahne gehisst

Die Demonstranten hatten sich vor einem Büro der Homosexuellen-Bewegung nahe dem Taksim-Platz versammelt und dort die Regenbogenfahne aufgehängt – das Symbol der Bewegung der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern (LGBT). Ein Aktivist wurde von einem Polizisten daran gehindert, vor den anwesenden Journalisten eine Erklärung zu verlesen.

Vor der LGBT-Demonstration waren laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Dogan rund ein dutzend Homosexuellen-Gegner zum Taksim-Platz vorgedrungen. Sie seien von den Sicherheitskräften festgenommen worden. Einer der Demonstranten habe "Wir sind Ottomanen, wir wollen hier solche Leute nicht" gerufen.

Die Demonstration mit dem Titel "Trans Pride" fand im Zusammenhang mit der beginnenden LGBT-Woche in der Türkei statt, in deren Rahmen zahlreiche Veranstaltungen geplant sind. Die Istanbuler Behörden hatten am Freitag bekanntgegeben, die für kommenden Sonntag als Höhepunkt der LGBT-Woche geplante Gay-Pride-Parade zu verbieten. Die Behörden begründeten das mit Sicherheitsbedenken, LGBT-Aktivisten werteten das Verbot als verfassungswidrig.

Polizeigewalt auch am Samstag

Drei Jahre nach den regierungskritischen Gezi-Protesten kam es am Samstag erneut auch zu Demonstrationen gegen die islamisch-konservative Regierungspartei AKP. Auslöser war ein Angriff von Islamisten auf ein Musikgeschäft. Während der stundenlangen Proteste im Istanbuler Stadtteil Cihangir am Samstagabend setzten Polizisten massiv Tränengas und Wasserwerfer gegen einige hundert Demonstranten ein. Unterdessen kündigte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan an, das Bauprojekt im Gezi-Park doch noch zu verwirklichen.

Festnahmen bei Anhören von Radiohead-Album

Die Demonstranten am Samstag skandierten "Faschisten" und "Mörder" an die Adresse der Regierung. Mehrere Menschen wurden festgenommen. Der Protest richtete sich gegen einen Übergriff auf Fans der Rockgruppe Radiohead am Freitagabend in einem Plattengeschäft. Die Angreifer hatten den jungen Leuten vorgeworfen, in dem für Muslime heiligen Monat Ramadan Alkohol getrunken zu haben. Die Radiohead-Fans hatten im Geschäft das neue Album der Band, "A Moon Shaped Pool", angehört. Damit feierten Anhänger der Gruppe auf der ganzen Welt zeitgleich die Veröffentlichung des Albums und übertrugen die Veranstaltung live im Internet.

Eine Aufnahme ist auf der Website des Senders CNN Türk abrufbar. Das Video zeigt, wie mehrere Männer unter lauten Rufen das Plattengeschäft stürmen, Menschen auf die Straße treiben und vor dem Geschäft Möbel umschmeißen.

Radiohead verurteilen Angriff

Radiohead verurteilten den Angriff. Es sei ein Akt "gewalttätiger Intoleranz", teilte die britische Band am Samstag im Magazin "Rolling Stone" mit. "Wir schicken unseren Fans in Istanbul unsere Liebe und Unterstützung", hieß es. Die Band hoffe, dass solche Angriffe bald der fernen Vergangenheit angehören würden.

Für Spannungen dürfte auch Erdogans Ankündigung sorgen, den Gezi-Park doch noch bebauen zu lassen. "Wir werden dort dieses historische Werk errichten", sagte er nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu am Samstag bei einer Rede in Istanbul. Das erfordere Mut. Erdogan bezieht sich damit auf Pläne von vor drei Jahren, auf dem Parkgelände neben dem zentralen Taksim-Platz den Nachbau einer osmanischen Kaserne mit einem Einkaufszentrum zu errichten.

Anfang Juni 2013 hatten sich landesweite Proteste an dem Projekt entzündet. Die Demonstrationen richteten sich schnell gegen den autoritären Regierungsstil Erdogans, der damals noch Ministerpräsident war. Die Polizei schlug den Protest brutal nieder, mindestens sieben Menschen kamen ums Leben.

In einer weiteren Rede zum Fastenbrechen am Samstagabend unterstellte Erdogan nach Angaben von Anadolu den Gezi-Demonstranten von damals eine Zusammenarbeit mit der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Erdogan ist seit Sommer 2014 Präsident, auf dem Taksim-Platz werden seit den Gezi-Protesten keine Demonstrationen mehr erlaubt. (APA, 19.6.2016)

  • Die Polizei setzte Tränengas gegen die Demonstranten ein.
    foto: apa/afp/kose

    Die Polizei setzte Tränengas gegen die Demonstranten ein.

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