Haus Europa braucht frischen Anstrich

Kommentar der anderen19. Juni 2016, 18:45
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Derzeit wird Europa nicht geschätzt, sondern nur ertragen. Das könnte sich ändern, wenn das Bewusstsein für die Errungenschaften der Union geschärft würde

Die Unterstützer eines Verbleibs Großbritanniens bei der EU überpurzeln sich in diesen Wochen mit Warnungen, Appellen und Weckrufen. Durch seriöse Studienergebnisse untermauerte Befunde sollen den Britinnen und Briten doch endlich klarmachen, dass ihr Land außerhalb der EU ökonomisch schwächer, die soziale Sicherheit gefährdet wäre, der Lebensstandard sinken würde und überhaupt: Großbritannien wäre auf der Weltbühne ein exotisches Leichtgewicht.

Diese Warnungen sind alle richtig, und schlussendlich wird sich das Wahlvolk auch gegen einen "Brexit" entscheiden. Dennoch – das wäre eine Kopf- und keine Bauchentscheidung und schon gar keine Herzensangelegenheit.

Wie geht EU-Leidenschaft? Gedankenexperimente haben beschränkte Strahlkraft. Dabei ist es (trotz aller Fehlentwicklungen und manchmal unerträglicher Zauderei der EU-Institutionen) unbestritten: Ein Europa der Nationalstaaten stünde angesichts der Griechenlandkrise, der russischen Krim-Annexion und der Flüchtlingssituation im Sommer 2016 vor einem Trümmerhaufen. Ein Wirrwarr aus Allianzen und Rivalitäten, Einzelinteressen und unkoordinierten Aktionen hätte eine Mischung aus Ohnmacht, Chaos und noch Schlimmeres entstehen lassen. Die tatsächlichen (unbestritten mangelhaften) Strukturen und Entscheidungsprozesse wären in einem nationalstaatlichen Fleckerlteppich-Europa nicht einmal vorstellbar.

EU als Friedensgarant

Die EU als Friedensgarant, als starke Antwort auf die Globalisierung, als Wahrer der Rechte ihrer Bürgerinnen und Bürger – alternativenlos. Aber eben nicht wahrgenommen als unser aller Errungenschaft, als Lohn jahrzehntelangen Ringens und Erbauens, als mühsam gestalteter und weiter gestaltbarer Hort der Freiheit und des Friedens. Für so etwas brennt man nicht, so etwas erträgt man gerade, nimmt es hin. Wird aber Europa von seinen Bürgern nicht geschätzt, sondern eben nur ertragen, dann wiegt der Schmerz beim Gedanken an seinen Verlust auch nicht schwerer als die Lust auf seinen Zerfall.

Was immer diesem auch folgen mag. Dieses "Hauptsache anders"-Gefühl wird zur prägenden Einstellung der Europäerinnen und Europäer zu ihrer Union.

Krautfleckerln der Tante Jolesch

Zwar zeigen die Ergebnisse der Verhaltenssoziologie: Bei Wertschätzung eines Besitzes wiegt die Angst vor seinem Verlust viel größer als die Freude über einen gleich großen Gewinn. Wertschätzung jedoch entsteht erst aus dem Bewusstsein, dass dieser Besitz, dieses Gut nicht selbstverständlich ist, weil es etwas Seltenes darstellt und auch weil es als etwas erlebt wird, nach dem viele andere streben. Die gleichen Kekse schmecken der Gruppe, die nur eine Handvoll davon hat, viel besser als jener, die davon im Überfluss hat. Das ist wie mit den sprichwörtlichen Krautfleckerln der Tante Jolesch, die deswegen so unnachahmlich gut schmeckten, weil es immer ein bisserl zu wenig davon gab.

Dieses identitätsstiftende Empfinden, diese Wertschätzung für Europa drohen wir zu verlieren, und damit schwindet auch die Aversion vor seinem Verlust. Wir wissen nicht mehr, wie Friede schmeckt, uns fehlt die Wertschätzung für Stabilität – auch und vor allem weil unsere Situation gar nicht mehr als friedlich und stabil wahrgenommen wird. Kein Wunder: Die täglichen Berichte über die Flüchtlingssituation und über vereinzelte Gewalttaten durch Asylsuchende erzeugen ein eher bedrohliches Bild denn ein Bild des Friedens, die steigende Arbeitslosigkeit und schwelende Finanzkrise lassen keine Befindlichkeit der Stabilität entstehen.

Die Akutsituationen stehen derart dominierend im Fokus, dass der Blick, das Gefühl und damit auch die Wertschätzung für das große Ganze verloren gehen.

Populismus kein Zufall

Es ist also kein Zufall, dass rechtspopulistische, nationalistische Strömungen ein vitales Interesse daran haben, Angstgefühle und Unsicherheit zu stimulieren: So wird schlicht verhindert, dass Wertschätzung für die EU entsteht. Die Botschaften "Asylanten sind eine Bedrohung!" und "Kein Steuergeld für die Pleitegriechen!" setzen den Keim für das Empfinden, dass dieses Europa eben nicht in der Lage ist, Friede und Wohlstand zu sichern, die EU also geschwächt und Nationalstaaten gestärkt werden müssen.

Gedankenexperimente und Spekulationen, wie denn dieser Kontinent aussähe, gäbe es diese Union nicht, werden da als realitätsfremde Träumereien dargestellt und entwickeln dementsprechend keine Strahlkraft, sondern höchstens das schale Gefühl der Alternativlosigkeit. Daraus entsteht kein Bewusstsein für Errungenschaften, noch dazu, wenn diese subjektiv gar nicht mehr empfunden werden können.

Gefühl der Zufriedenheit

Zufriedenheit entsteht aber, so stellt Konrad Lorenz fest, nicht nur durch das Empfinden von Glück, sondern auch durch den Wegfall von Mangel, Schmerz oder Restriktion. Lorenz zitiert dazu einen treffenden Sinnspruch: "Heut' mach' i mein Hund a Freud: Erst hau' i eam recht, und nachha hör' i auf."

So gesehen stehen uns zwei Wege offen, um Wertschätzung für ein gemeinsames Europa zu erlangen: Der erste Weg bestünde darin, Bewusstsein dafür zu schaffen, was für eine Errungenschaft dieses Europa, das wir erbaut haben, doch ist.

Dies bedürfte einer großen Portion an ehrlicher, authentischer und aufwendiger Diskussion quer durch alle Gesellschaftsschichten – einer echten Kraftanstrengung.

Wir müssten unsere Wohnung durchlüften, die Wände streichen und sie von Grund auf renovieren, um wieder Wertschätzung für das "gemeinsame Haus Europa" empfinden zu können. Oder wir fügen uns in die "Anything but EU"-Stimmung, kehren zur von den Nationalisten verheißenen kleinstaatlichen Autonomie zurück und machen uns auf den Weg durch ein Tal der Tränen, um uns einst Europa wieder wünschen zu können. Ob es aber dann einen Weg zurück gibt? (Thomas Jakl, 19.6.2016)

Thomas Jakl leitet die Abteilung Chemiepolitik im Umweltministerium.

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