Wie FH-Studierende zum Doktorat kommen

20. Juni 2016, 09:00
17 Postings

DER STANDARD stellt vier Jungforscher vor, die ihre Karriere an der Fachhochschule begonnen haben

An der Schnittstelle Medizin und Technik

An der Vernetzung von Medizingeräten forscht Philipp Urbauer

foto: privat

Philipp Urbauer forscht am Potenzial der Informationstechnik für die Gesundheit. Genauer gesagt, an der Kommunikation zwischen Medizingeräten und IT-Systemen. "Es geht darum, dass zum Beispiel das Blutdruckmessgerät oder die Waage der Großmutter Informationen automatisch auf Mobiltelefone übertragen und dann an die Krankenanstalt senden kann", erklärt der 32-Jährige. "Wir konnten gemeinsame Standards entwickeln", sagt Urbauer über das Projekt an der Fachhochschule Technikum Wien, in dem er 2008 bis 2012 mitarbeitete und das die Grundlage für weitere Forschungen und auch für seine PhD-Arbeit bildete. Die schreibt er seit 2014 an der Universidade de Trás-os-Montes e Alto Douro in Portugal. "Der Ansatz, den ich darin verfolge, ist, Daten institutions- und länderübergreifend miteinander zu vernetzen", sagt der gebürtige Wiener. Die Herausforderung dabei sei, unterschiedliche Daten zu verknüpfen.

Gefragt, wozu das letztlich alles gut sein soll, sagt Urbauer: "Wenn die Daten erst einmal sinnvoll vernetzt werden können, wäre es Krankenanstalten möglich, Patientenströme zu analysieren. Man könnte zum Beispiel feststellen, zu welchen Zeiten die Patienten in Grippeperioden kommen und welche Verkehrsmittel sie benutzen. Die öffentlichen Verkehrsmittel könnten dann etwa stark frequentierte Buslinien ausbauen und Krankenanstalten sich besser auf die Patienten vorbereiten", sagt Urbauer, den es eher zufällig in die Forschung verschlagen hat, wie er sagt: "Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, eigentlich wollte ich mein Studium beenden und arbeiten."

Dafür, dass es doch anders gekommen ist, macht Urbauer seine Begeisterungsfähigkeit verantwortlich. Durch sie ist aus dem Forschen letztlich doch noch ein Beruf – und eine Berufung – geworden, sagt der Wiener über seinen Werdegang. An der Schnittstelle von Medizin und Technik zu arbeiten habe ihm stets besonders zugesagt – "wobei ich mich mittlerweile mehr als Techniker sehe".

Fürs Fragenstellen bezahlt

Claudia Fischer arbeitet derzeit als Research Scientist bei Philips

foto: rogier bos

Schon als Kind sei sie neugierig gewesen, habe viele Fragen gestellt, sagt Claudia Fischer. "Ich glaube, darum bin ich in der Forschung gelandet." Richtig entdeckt hat die heute 30-Jährige ihre Berufung erstmals während ihres Studiums des Gesundheits- und Pflegemanagements an der Fachhochschule Kärnten. Tatsächlich begonnen, als Forscherin zu arbeiten, hat Fischer 2010 in den Niederlanden: zunächst als Junior Researcher am Academic Medical Center und dann als PhD-Studentin an der Erasmus-Uni Rotterdam.

In ihrer Arbeit beschäftigte sich Fischer mit Qualitätsmessung im Krankenhauswesen, konkret: damit, wie zuverlässig Kennzahlen sind, mit denen Qualität festgestellt werden soll. Über das Resultat sagt die Jungforscherin: "Viele Indikatoren werden in ihrer Gültigkeit überschätzt." Beispiel Sterberate: Hier könne man spezialisierte Fachkliniken mit schweren Krebsfällen und kleine Spitäler, die solche nicht haben, nicht ohne weiters vergleichen. Auch andere Kennzahlen für Qualität seien zweifelhaft, etwa die der Wiederaufnahmerate. "Zu sagen, wenn jemand innerhalb von dreißig Tagen ins Krankenhaus zurückkommt, war die Behandlung nicht gut, ist zu vereinfacht." Denn: "Man muss bedenken, dass die Gründe, aus denen Patienten wiederkommen, ganz verschieden sind." Manchmal kommen sie auch einfach nur wegen eines geplanten zweiten Termins wieder. "Das kann man aus den Daten nicht herauslesen, erklärt die gebürtige Kärntnerin, die seit Abschluss ihres PhD 2015 in England lebt.

Dort arbeitet Fischer als Research Scientist beim Techkonzern Philips im Gesundheitssektor. "Wenn ich gefragt werde, wie ich das gemacht habe, sage ich: Durch die EU gibt es so viele Möglichkeiten, man muss sie nur nützen", meint die Kärntnerin. Sie gibt zu, manchmal zu überlegen, ob sie nicht an der Uni hätte bleiben sollen, weiß aber, dass in der Industrie bessere Bedingungen für Forscher herrschen. Jedenfalls sei sie äußerst zufrieden mit ihrem aktuellen Job. "Ich bekomme fürs Fragenstellen bezahlt."

Die perfekte Kombination

Julius Cho gefällt der Mix aus Theorie und Praxis an der TU Wien

foto: privat

Langsam ist es gegangen, aber jetzt hat Julius Cho die Liebe zur Forschung endgültig entdeckt, sagt er. Nachdem er den Bachelor und den Master in Mechatronik an der FH Vorarlberg absolviert hatte, hieß es auch für ihn zunächst "Ab ins Berufsleben". Drei Jahre lang arbeitete er – zunächst im Bildungsbereich und dann bei der Firma Blum. "Dort konnte ich bei einem sehr interessanten Projekt mitarbeiten, das war dann der Auslöser, an die Uni zu gehen", sagt der 38-Jährige. Es ging von Vorarlberg nach Wien an die Technische Uni.

Ortswechsel und ganz neue Umgebungen sind dabei nichts Neues für Cho: 2004 war er von Kamerun nach Österreich geflüchtet, lernte schnell Deutsch und begann sein Studium. Auch der Wechsel an die Uni sei relativ reibungslos verlaufen, erzählt Cho. Mit Vorurteilen aufgrund seines FH-Hintergrunds wurde er nicht konfrontiert – "das hat mich aber auch gar nicht interessiert. Ich wollte einfach mein Ding durchziehen." Nachholen musste er zunächst aber doch noch ein paar Lehrveranstaltungen, lange habe es aber nicht gedauert, und er war als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU beschäftigt.

Am besten gefällt Cho, dass mit dem Doktorat nun endlich beides möglich sei: in Praxis mit Unternehmen zusammenzuarbeiten, aber auch wissenschaftlich für diese zu forschen. "Die wollen ja auch eine gute Forschung haben. Die Kombi aus Uni und FH finde ich deswegen perfekt."

In seiner Dissertation beschäftigt sich Cho mit der "Identifizierung, Erhebung, Verwaltung und nahtlosen Integration von Daten, Informationen und Wissen, die im Verlauf des Lebenszyklus eines Produktes anfallen. Das Ziel ist die Wiederverwendung der Daten und des Wissens für die computerunterstützte und wissensbasierte Konstruktion."

2017 soll die Arbeit fertig sein. Zurück in die Wirtschaft wird es für Cho dann aber aller Voraussicht nach nicht gehen. "Ich kann mir sehr gut vorstellen, in der Forschung zu bleiben. Es gefällt mir echt gut."

Doktorat zwischen drei Ländern

In Österreich fand Klaudija Hasaj keine Betreuung

foto: fh burgenland

Für ihr Doktorat pendelt Klaudija Hasaj zwischen Kroatien und Österreich. Lieber wäre es ihr gewesen, nach dem Diplomstudiengang Internationale Wirtschaftsbeziehungen und dem Master in European Studies an der FH Burgenland in Österreich zu bleiben, "aber das war einfach unmöglich", sagt die gebürtige Slowenin. Schon ihre Master-Mentorin habe ihr gesagt, dass es mit einem Doktorat in Österreich wahrscheinlich schwer werde, Hasaj versuchte es trotzdem – vergebens. "Das Problem ist, dass für das Doktorat bereits vorausgesetzt wird, dass man publiziert hat oder auf Konferenzen war. Diese Möglichkeiten hatte ich aber nicht." Sie ist nun eine von dreizehn Studierenden im Cross-Border-PhD-Programm "International Economic Relations & Management" zwischen Kroatien, der Slowakei und Österreich.

Auch das Thema habe eine Rolle dafür gespielt, warum es nicht so leicht war, einen Platz für ihre Forschung zu finden, vermutet Hasaj, vielen sei es zu heikel gewesen. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit dem Zusammenhang zwischen akademischen Leistungen von Ökonomen und zunehmendem Euroskeptizismus. "Ich habe deswegen in Kroatien zwei Doktorväter – einen in Pula und einen in Zagreb." Obwohl die Prüfungen am Standort Burgenland abgelegt werden können, ist Hasaj ziemlich oft in Kroatien. "Alles kann man ja doch nicht via Mail klären." Auch die fehlenden Konferenzen konnte sie nachholen, im Herbst wird sie bereits zu der fünften fahren.

Aktuell ist Hasaj bereits als Lektorin an der FH Burgenland tätig, sie möchte auch in Zukunft in der Lehre bleiben. "Ich hoffe, in zwei Jahren fertig zu sein und dann alles, was ich bisher gelernt habe, weitergeben zu können", sagt Hasaj. Dazu gehöre auch die anfangs komplizierte Suche nach einem passenden Doktoratsstudium. Ihr erworbenes Wissen möchte sie nach dem Abschluss vor allem auch an EU-Skeptiker weitergeben. "Wir sind abhängig vom Zusammenhalt. Das muss den Menschen endlich klar werden." (lhag, lib, 19.6.2016)

Share if you care.