Tanz in den Sommer

19. Juni 2016, 14:29
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Die Philharmoniker unter Andrés Orozco-Estrada und mit Hilary Hahn

Wien – Der Sommer naht, und bei den Philharmonikern beginnen wahrscheinlich einige, die Badebekleidung rauszulegen für die Salzkammergutseen ihres Vertrauens. Eine kurze Europatournee, ein paar Operndienste noch, dann ist es so weit. Eigentlich wäre das Programm des zehnten und letzten Abonnementkonzerts der Saison auch ideal für ein sommerliches Open-Air-Event gewesen: zwei nicht übermäßig gehaltsschwere Werke mit tänzerischem Grundcharakter und ein Violinkonzert samt Starsolistin in der Sandwichposition dazwischen.

Nun feierte Andrés Orozco-Estrada aber in dieser heiligen Halle des Musikvereins sein Debüt als langfristig engagierter Dirigent bei einem Philharmonischen Abonnementkonzert – einspringen durfte der quirlige Kolumbianer ja schon. Bei Zoltán Kodálys Tänzen aus Galánta demonstrierte der 38-jährige Chefdirigent des HR-Sinfonieorchesters auch flugs seine Qualitäten als rastloser Animateur und akribischer Gestalter.

Prunkmantel des Klangs

Im 1933 uraufgeführten Werk kleidet Kodály Volksmusik der Roma in einen fein und schillernd gewirkten Prunkmantel des Konzertorchesterklangs. Nachdem der heikle Beginn absolviert war, brachte Orozco-Estrada den mit einer hohen Grundspannung musizierenden Klangkörper auch tatsächlich schnell zum Tanzen.

Einen Schlenker zurück in noch ältere Zeiten gab es mit Henri Vieuxtemps' 4. Violinkonzert. Hilary Hahn interpretierte es in erwartet tadelloser Weise, energisch und exakt. Aber so sehr sich sämtliche Akteure auch engagierten: Unvergesslich wird dieses Werk wohl in keiner noch so genialen Interpretation bleiben. Fantastisch die Zugabe der US-Amerikanerin: Das Allegro assai aus der 3. Solosonate von Bach schnurrte mit der Exaktheit eines Schweizer Uhrwerks ab und bot dennoch beglückende Farb- und Dynamiknuancen.

Auch bei den Symphonischen Tänzen wurde der Wahlwiener Orozco-Estrada zum Dynamo auf zwei Beinen; im Zuge seines federnden, straffen und hochagilen Dirigats rackerten die Wiener Philharmoniker so richtig, um Rachmaninows Spätwerk zum Leuchten zu bringen. Es gelang. Begeisterter Beifall. (Stefan Ender, 19.6.2016)

Das Programm ist am 22. 6. noch einmal im Wiener Konzerthaus zu erleben

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