"Primal Matter": Der Urstoff als entblößendes Gewand

19. Juni 2016, 13:50
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Dimitris Papaiouannou begeistert das Festwochen-Publikum mit seinem Duett im Museumsquartier

Wien – Einspruch! "Der nackte männliche Körper ist ein Mysterium", behauptet der griechische Choreograf, Regisseur und Performer Dimitris Papaiouannou in einem Kommentar zu seinem Stück Primal Matter. Dieses enthüllende Werk war zum Abschluss der Festwochen in der Halle E des Museumsquartiers zu sehen.

Das Mysterium quillt diesem Duett, in dem Papaiouannou selbst zusammen mit Michalis Theophanous auftritt, aus allen Poren. Schon zu Beginn wird klar, was hier mit "Urmaterie" gemeint ist: der Körper selbst, respektive das, was dieser hinter oder unter all seinen kulturellen Verarbeitungen, Normierungen und Überlagerungen sein könnte.

Papaiouannou ist ein Mann im schwarzen Anzug, Theophanous sein Widerpart ganz ohne Hüllen, nur mit seiner Erscheinung bekleidet. Sobald er von den Augen des Publikums erfasst wird, erscheint der Nackte als der Verhülltere von beiden. Denn der Blick wickelt den Körper in alles, was kulturell aus sogenannter körperlicher Blöße gesponnen wird, ein. So wird der "Urstoff" unsichtbar. Und zum Mysterium? Hier setzt erstens der Einspruch an: Nicht der Körper ist mysteriös, sondern sein kultureller Kokon. Und zweitens das Abschmettern dieses Einspruchs: Wenn er unter der Kulturhülle verborgen bleibt, muss der Körper ein Mysterium sein.

Kleidung als Rolle, Akt als Propaganda

In Tanz und Performance wird die Nacktheit immer wieder aufgegriffen. Gegenwärtig allerdings eher stereotyp unter den Vorzeichen diverser Identitätsprobleme. So pubertär gibt sich Papaiouannou nicht. Er radiert jegliche Andeutung narzisstischer sexueller Konnotationen aus. Statt dessen entlarvt er seinen bekleideten Akteur als bloßen Rollenerfüller und präsentiert den Männerakt als Zeichen für ästhetische Überhöhung und politische Propaganda. Gezielt wirken hier Slapstick-Elemente, noch gezielter virtuos-witzige Szenen, die Amputationen und Prothetisierungen des Körpers zeigen.

Visuelle Posen wie Nachstellungen der klassischen Heldenskulptur oder Sprachbilder wie das vom "Adamskostüm" fließen in Primal Matter zusammen. Und sie lösen sich in einem Lachen auf: etwa, wenn der Bekleidete dem Nackten die Sohlen reinigt und dann auf dem weißen Tuch die Fußabdrücke zu sehen sind – als Pendant zum berühmten Schweißtuch der Veronika. So stellt Papaiouannou Fragen nach kulturellen Körperverarbeitungen. "Das Fleisch wird sozusagen vor dem Kunden faschiert", schreibt er dazu. Die Folge: begeisterter Applaus vom Publikum. (Helmut Ploebst, 19.6.2016)

Nächste und letzte Vorstellung am 19.6., 19.30.

Festwochen

  • Dimitris Papaiouannou und Michael Theophanous
    foto: nikos nikolopulos

    Dimitris Papaiouannou und Michael Theophanous

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