Koller: "Alle sind die Schweinemeter gelaufen"

19. Juni 2016, 18:17
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Österreich hat sich durch das objektiv unverdiente 0:0 gegen Portugal die vorzeitige Heimreise erspart. Teamchef Marcel Koller musste die Nibelungentreue außer Kraft setzen. Die Leidenschaft ist jedenfalls zurück. Die Präzision verweigerte aber die Rückkehr

Paris – Im Morgengrauen des Sonntags ist die österreichische Fußballnationalmannschaft in Avignon gelandet, die knapp einstündige Busfahrt ins Quartier nach Mallemort wurde auch noch bewältigt. Man musste sich nach dem an Glück kaum überbietbaren 0:0 gegen Portugal in der ÖFB-Botschaft in Paris empfangen lassen (offiziell freiwillig). Dort wurde gevöllert, die leeren Speicher mussten aufgetankt werden.

Samstagabend, kurz vor Mitternacht. Kapitän Christian Fuchs grantelte im gefühlten 232. Interview. Man solle nicht immer nur das Negative sehen, die mediale Kritik sei unangebracht. "Man muss hervorheben, welchen Aufwand wir betrieben haben." Okay. Der Aufwand, den sie betrieben haben, der war toll, großartig, legendär, außerirdisch.

"Der Fußball kann in Bezug auf das Ergebnis ungerecht sein", hatte Portugals Teamchef Fernando Santos eine halbe Stunde davor im Prinzenpark gejammert. Der 61-Jährige ist ein Griesgram, ihm Fragen zu stellen gleicht einer Mutprobe. Vor dem anrasenden TGV die Schienen zu überqueren ist vergleichsweise feig. Die Statistik gab Santos natürlich recht. 23:3 Torschüsse, 59 Prozent Ballbesitz, Österreich hatte null Corner (zweimal war man aber knapp dran). Über Cristiano Ronaldo, der in der 78. Minute einen Elfer an die Stange gesetzt hatte, wollte Santos nicht sprechen. Er ist nämlich Team- und nicht Ronaldo-Chef. Der Superstar gab ein paar Plattitüden von sich, die Leistung sei gut gewesen, nur das Ergebnis habe nicht gepasst. Dass er ausgerechnet in seinem Rekordspiel, es war sein 128. Einsatz, gepatzt hat, mache ihn etwas traurig.

Schwärmerei

Martin Hinteregger hat über Ronaldo geschwärmt, was der aber nie erfahren wird. Der Innenverteidiger hatte das Foul begangen, als der Pfiff ertönte, "war ich der traurigste Mensch in Frankreich. Ich habe gesehen, dass Ronaldo im Sprint in den Sechzehner reinkommt, und wollte ihn zuerst blockieren, um ihm das Tempo zu nehmen. Aber er ist wie eine Dampflokomotive über mich drübergefahren, dann ist es zum Infight gekommen." Die Geschichte brachte für Hinteregger ein Happy End. "Als er vergeben hat, war ich der glücklichste Mensch in Frankreich. Ich habe vorher nicht gewusst, dass er so einen extremen Luftstand hat. So etwas habe ich noch nie gesehen, das ist absolute Weltklasse."

Selbstvertrauen

Teamchef Marcel Koller hat beschlossen, zufrieden zu sein. Wohl wissend, dass es in erster Linie dem großartigen Tormann Robert Almer zu verdanken war, nicht vorzeitig die Heimreise antreten zu müssen. "Jetzt sind wir noch dabei, das ist gut fürs Selbstvertrauen."

Die Ausgangslage: Gewinnt Österreich am Mittwoch in Paris gegen Island, hätte man vier Punkte. Das sollte reichen, um als einer der vier besten Dritten das Achtelfinale zu beehren. Die Isländer haben sich durch ein spätes Eigentor gegen Ungarn (1:1) die große Sensation, den Aufstieg, vorerst einmal vermasselt. Portugal hat erst zwei Zähler, muss gegen Ungarn gewinnen, was durchaus wahrscheinlich ist. Santos: "Wir werden uns dem Unglück nicht ergeben, es ist ein Finalspiel."

Koller hat gegen Portugal voll auf die Defensive gesetzt. Und er hat Personalentscheidungen getroffen, die man ihm so nicht zugetraut hätte. Die Nibelungentreue wurde außer Kraft gesetzt. Marc Janko saß nur auf der Bank. "Ich musste akzeptieren, dass er keine Matchpraxis hat. Bei einem Turnier muss man rasche Entscheidungen treffen, man hat keine Zeit. Vergangenheit und Einzelschicksale zählen nicht."

Koller fand Alaba "gut"

David Alaba war mit der Position des Zehners hoffnungslos überfordert, er irrte durch den Prinzenpark, lieferte das schwächste Länderspiel seiner Karriere ab. Koller fand ihn trotzdem "gut". Deshalb hat er ihn nach 65 Minuten gegen Alessandro Schöpf ausgetauscht (der war übrigens wirklich gut). Worte und Taten sind ein seltsames Paar, aber Koller ist nicht einer, der öffentlich sagt: "Ich wusste nicht, dass Alaba so schwach sein kann." Er wird ihn aufbauen. "David ist sehr wichtig für uns."

Das kollektive Defensiverhalten ist schon schwer in Ordnung gewesen. "Alle sind die Drecksmeter, die Schweinemeter gelaufen. Leidenschaft, Aggressivität, Willenskraft und Kompaktheit sind zurück", resümierte Koller. Die Sehnsucht nach gutem Fußball wurde aber erneut nicht gestillt. Das Passspiel war mindestens so unpräzise wie beim 0:2 gegen Ungarn. Viele, viel zu viele rennen zwar, aber der Hochform hinterher. Marko Arnautovic gab zu, "dass wir von der Form der Quali weit weg sind. Aber das ist eine EURO, ein anderes Niveau, wir sind ein Turnier nicht gewohnt." Schweden und Russland, also jene Teams, mit denen sich Österreich in der Quali vergnügte, geben in Frankreich ein bescheidenes bis miserables Bild ab. Arnautovic glaubt an die Chance. "Wir sind am Leben, hatten Glück, werden das Herz in die Hand nehmen und durchgehen."

"Das wird nicht einfach"

Koller wird sich den Kopf über die Offensive zerbrechen. Island ist kompakt, zweikampfstark, lehnt die Spielgestaltung ab. "Das wird nicht einfach, im Gegenteil." Er weiß, dass null Tore nicht reichen werden. Koller. "Mit dem Erfolgserlebnis gegen Portugal können wir unser Pflänzchen wieder aufbauen. Mein Vertrauen ist ungebrochen." Und was sagte der famose Almer? "Es dauert, bis ich das richtig einordnen kann." (Christian Hackl aus Paris, 20.6.2016)

Wissen: Die Aufstiegschancen des ÖFB-Teams

Die Chancen, mit vier Zählern als einer der vier besten Gruppendritten aufzusteigen, sind gut. Die Rechenaufgabe lautet zwei aus fünf: zwei der anderen fünf Gruppendritten müssten hinter dem ÖFB-Team liegen, bei Punktegleichheit zählt die Tordifferenz. Nach dem 1:0 Albaniens gegen Rumänien am Sonntagabend steht bereits ein Gruppendritter mit lediglich drei Punkten fest. Ein Überblick:

Der Gruppendritte kommt auf maximal drei Punkte, wenn ...

Gruppe A (Sonntag, 21 Uhr): ... Rumänien gegen Albanien nicht gewinnt.

Gruppe B (Montag, 21 Uhr): ... England die Slowakei schlägt.

Gruppe C (Dienstag, 18 Uhr): ... Deutschland Nordirland besiegt.

Gruppe D (Dienstag, 21 Uhr): ... die Türkei gegen Tschechien nicht verliert.

Gruppe E (Mittwoch, 21 Uhr): ... Irland gegen Italien nicht gewinnt.

  • Just die Stars lieferten am Samstag eher enttäuschende Vorstellungen ab. David Alaba (links) ging vorzeitig vom Feld, Cristiano Ronaldo ging leer aus.
    foto: imago/mis

    Just die Stars lieferten am Samstag eher enttäuschende Vorstellungen ab. David Alaba (links) ging vorzeitig vom Feld, Cristiano Ronaldo ging leer aus.

  • Österreichs Torhüter Robert Almer brillierte hingegen.
    foto: imago/vi images

    Österreichs Torhüter Robert Almer brillierte hingegen.

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    foto: afp/schwarz
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