Gabrielle Alioth: Das Märchen von der Zukunft

20. Juni 2016, 09:51
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Über schweizerische EU-Skepsis, irische EU-Begeisterung und die Metamorphosen des europäischen "Körpers"

Es war einmal eine Ökonomin in der Schweiz, die versucht hat, die Zukunft Europas vorauszusagen. Das war in den frühen 1980er-Jahren, als wir uns gerade von unseren Loch- und Stechkarten verabschiedet hatten, um von jetzt an online zu arbeiten. Dieser technische Fortschritt barg das Versprechen einer Komplexität in sich, die sich außerhalb der Reichweite des menschlichen Gehirns befand.

Und mit schweizerischer Sorgfalt und nichtschweizerischem Enthusiasmus machten wir uns daran, noch größere und kompliziertere Modelle zu bauen, um Nationen und Industrien in verschiedenen Gleichungen zu verknüpfen.

In unserem Innersten wussten wir, dass sowohl die Zukunft als auch die Vergangenheit für uns ein fremdes Land ist – und bleibt (siehe L. P. Hartley, "The Go-Between"). Wer in einer so egozentrischen und wohlhabenden Gesellschaft aufgewachsen ist, dem verzeiht man vielleicht den Glauben an die Zukunft als eine einzige Gerade des Fortschritts.

Gegensätze

In den vergangenen 30 Jahren, in denen die Europäische Union neue Mitgliedsstaaten zugelassen und gleichzeitig mit der Einführung des Euro den einzigen Mechanismus abgeschafft hat, um ihre unterschiedlichen wirtschaftlichen Grundlagen zu bewältigen, bin ich selbst von einer Wirtschaftswissenschafterin zu einer Schriftstellerin mutiert.

Anstatt die Zukunft vorauszusagen, habe ich mich dahingehend entwickelt, die Vergangenheit zu rekonstruieren. Teil meiner Mutation war es auch, von der Schweiz nach Irland zu ziehen, von einem Land, das sich – sogar in seiner Blütezeit – weigerte, der Europäischen Union beizutreten, in ein Land, das in einem EU-Beitritt den Schlüssel zu wirtschaftlichem Wohlstand und sozialem Fortschritt sah.

Nirgendwo, glaube ich, könnte der Glaube an die Segnungen eines EU-Beitritts größer sein als in Irland, und nirgendwo könnte der Glaube, dass es das einzig Richtige war, der EU nicht beizutreten, stärker sein als in der Schweiz.

So gegensätzlich diese Einstellungen der beiden Länder gegenüber der Europäischen Union auch sind, so einig sind sie sich, wenn es um die Frage nach dem Austritt der Briten geht. Trotz ihres 700 Jahre alten Verlangens nach Unabhängigkeit, sehen die meisten Schweizer im Brexit einen wirtschaftlichen Selbstmord, eine Bedrohung einer weitgehenden Stabilität und auch die Bedrohung ihrer eigenen bilateralen Absprachen mit Brüssel.

Noch viel näher am Sturm, fokussiert sich die Diskussion in Irland nicht nur auf eine mögliche Auflösung der EU, sondern auf die unmittelbare Gefahr einer Auflösung des Vereinigten Königreichs, konkreter auf die Auswirkungen, die das alles auf Nordirland haben könnte.

Simulation und Fiktion

So wenig verwandt Wirtschaftssimulationen und literarische Fiktion auch immer sein mögen, sie haben ein gemeinsames Ziel: Sie kommen dort zum Einsatz, wo Wissen an seine Grenzen stößt, beide, so der Ägyptologe Antonio Loprieno, ehemaliger Rektor der Basler Universität und jetzt Präsident des österreichischen Wissenschaftsrats, vermitteln Bilder einer alternativen Wirklichkeit beim Versuch, die Grenzen zwischen Wissen und Glauben zu überschreiten; Grenzen, die, wie wir alle wissen, von zeitlichen und kulturellen Faktoren abhängig sind.

Simulation und Fiktion erlauben uns, die Grenzen zwischen Faktischem und Möglichem zu hinterfragen, um unser Wissen und unseren Glauben infrage zu stellen; und beide beziehen sich natürlich auch auf vergangene Entwicklungen und Erfahrungen.

Seit Zeus – "Kaum, ja kaum kann er das Weitere noch aufschieben", so wie der römische Dichter Ovid das in seinen "Metamorphosen" beschrieben hat – die Verkleidung eines Stiers gewählt hat, um die Königstochter Europa über das Meer zu tragen, waren Wandlungen immer Teil der europäischen Existenz, sowohl in ihrer mythologischen als auch geografischen Dimension, wie auch in ihrer fiktionalen oder ökonomischen.

In der römischen, byzantinischen und karolingischen Zeit haben Herrscher immer versucht, Europa zu erweitern und zu vereinen – ganz abgesehen von den unglückseligen Versuchen in jüngster Vergangenheit. Aber wenn wir nur genug Abstand nehmen von unseren derzeitigen Befürchtungen, dann sehen wir diesen europäischen "Körper" in den vergangenen Jahrhunderten immerzu wachsen und wieder schrumpfen.

Deshalb ist es nicht so schwierig, die Zukunft Europas vorauszusagen. Denn Simulation und Fiktion zeigen uns, was vor uns und was hinter uns liegt. Die Gründe, nach einer Erweiterung wieder zu schrumpfen mögen zwar immer andere sein, aber wäre es kein "Brexit", dann würde etwas anderes diese Bewegungen in Gang halten.

Aber beruhigt durch keltisches Wissen, dürfen wir hoffen, dass wir uns durch die unausweichliche Wiederkehr des immer selben trotzdem nicht in Kreisen bewegen, sondern in Spiralen, wo wir zwar demselben begegnen, aber immer auf einem anderen Level.

Oder wie Ovid, der ziemlich genau vor 2000 Jahren gestorben ist, schon sagt: "omnia mutantur, nihil interit", alles wandelt sich, nichts geht unter – das ist sowohl Fluch als auch Segen für Europa. (Gabrielle Alioth, 20.6.2016)

Gabrielle Alioth (61) studierte Wirtschaftswissenschaften und Kunstgeschichte in Basel und Salzburg, seit 1984 lebt die gebürtige Schweizerin in Irland, zuerst als Journalistin und Übersetzerin, seit 1990 als freie Schriftstellerin.

Übersetzung aus dem Englischen von Mia Eidlhuber

  • An der Südwestküste Irlands liegen die Cliffs of Moher. Die Steilklippen erstrecken sich teilweise senkrecht über einen Küstenabschnitt von mehr als acht Kilometern.
    foto: getty images / istock / fedevphoto

    An der Südwestküste Irlands liegen die Cliffs of Moher. Die Steilklippen erstrecken sich teilweise senkrecht über einen Küstenabschnitt von mehr als acht Kilometern.

  • Die gebürtige Schweizerin Gabrielle Alioth lebt in Irland und ist seit 1990 freie Schriftstellerin.
    foto: silvia wiegers

    Die gebürtige Schweizerin Gabrielle Alioth lebt in Irland und ist seit 1990 freie Schriftstellerin.

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