Margus Ott: Feinere Unterschiede

20. Juni 2016, 09:53
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Es ist besser, die EU nicht niederzureißen, sondern sie zu verändern. Über den Wert der Unterschiedlichkeit, die Entschärfung der Ungleichheit und die paneuropäisch mobilisierte Zivilgesellschaft.

Integration macht nur dann Sinn, wenn sie auf Unterschieden beruht und es schafft, diese zu fördern. Denn rein vom Prinzip: Wenn alle integrierten Teile gleich werden, ist der Wert ihrer Integration gering, aber wenn sie Unterschiede bewahrt, dann bekommt Integration eine ganz neue Qualität.

Nehmen wir ein Beispiel aus der Biologie: Wenn nur eine einzige Art von Zelle in einem System lebt, dann handelt es sich um ein ziemlich einfaches System, wenn unterschiedliche Zellen in einem Ganzen vereint sind, dann könnte dieses System ein komplexer Organismus werden.

Erst das Wesen von Unterschiedlichkeit macht die Bedeutung von Integration überhaupt aus. Umso mehr Dimensionen es gibt, desto mehr Sinn macht auch Integration. Zum Beispiel: Gleichheit vor dem Gesetz fördert die Anstrengungen der Menschen, ihre individuellen Unterschiede zum Ausdruck zu bringen, und zwar weit über die reine Zugehörigkeit zu einer Gruppe (rassisch, religiös, national etc.) hinaus.

Die Gleichheit vor dem Gesetz zerstört diese Gruppen nicht, macht sie aber weniger repressiv, sowohl nach innen als auch nach außen, weil sie vom anderen wahrgenommen wird. Diese Art der Entschärfung von Ungleichheit zerstört keine Unterschiede, sondern ersetzt nur sehr grobe durch mehr nuancierte Abgrenzung.

Expansion nach außen und innen

In der Geschichte der europäischen Integration nach dem Zweiten Weltkrieg sehen wir nicht nur eine Expansion nach außen (Territorium und Bevölkerungszahlen), sondern auch eine nach innen. Es begann in erster Linie als eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Ziel, zukünftige Kriege in Europa zu vermeiden.

Einige grobe Formen von Unterschieden (wie die Zölle auf Kohle, Stahl etc.) wurden abgeschafft, was bedeutete, dass starke Kräfte der Zusammenarbeit und Erfindungen feinere Formen der Unterscheidungen (zum Beispiel Arbeitsteilung) hervorbringen konnten. Die vier Grundfreiheiten von Mobilität (von Waren, Dienstleistung, Kapital und Menschen) haben spürbar grobe Unterschiede aufgelöst und durch feinere ersetzt.

Das führte dazu, dass Menschen weniger stark durch den Ort, an dem sie mehr oder weniger zufällig lebten, determiniert waren, sie konnten ihre Fähigkeiten plötzlich auch in anderen Ländern weiterentwickeln.

Diese Tendenz, individuelle Unterschiede öffentlich zu machen, hat Gruppen weniger repressiv gemacht und zu einem Empowerment von Menschen geführt, die Minderheiten angehören wie etwa Homosexuelle oder Behinderte.

Wichtige Mechanismen der EU

Es ist die Frage, inwiefern diese Tendenz in de alten Nationalstaaten Europas aufrechterhalten werden kann, würde die EU zerfallen. In Osteuropa ist zu befürchten, dass sich diese Entwicklung umkehren könnte. Die EU hat weiterhin wichtige egalitäre Mechanismen:

In der Entscheidungsfindung, in einem riesigen Übersetzungsprogramm (sonst würde wahrscheinlich Englisch die Funktion vieler anderen Sprachen übernehmen), in der regionalen Unterstützung innerhalb der EU (wovon das meiste zu den Gebern zurückkommt, sowohl direkt, wenn ihre höher entwickelten Produkte und Dienstleistungen gekauft werden und indirekt, wenn eine starke Union international Akzente im Wettbewerb setzt) usw.

Die EU war auch in Auseinandersetzungen mit großen Konzernen (zum Beispiel Microsoft) erfolgreich. Der Widerstand gegen Monsantos gentechnisch veränderte Organismen (GMO) und Insektizide hat zu einer paneuropäischen Mobilisierung der Zivilgesellschaft beigetragen.

Die Vitalität der europäischen Zivilgesellschaft und ihre transnationale Zusammenarbeit sind ausschlaggebend für die zukünftige Dynamik in Europa. Wir werden unsere Interessen wahrscheinlich besser in Kooperationen mit uns ähnlichen Menschen aus anderen europäischen Ländern verteidigen können, als wenn wir ganz alleine auf unsere nationale Regierung angewiesen wären – ohne EU.

Lebensnotwendige Zusammenarbeit

Deshalb ist es also besser, die EU nicht niederzureißen, sondern sie zu verändern, durch mehr Demokratie und Transparenz in Entscheidungsprozessen oder durch neue Formen von politischem Aktivismus (wie die Indignados, Varoufakis' DiEM25, Nuit debout etc.).

Es wirkt so, als ob es für Europa auch keinen Weg zurückgäbe. In der heutigen Welt würden alte Nationalstaaten, sogar Europas größte wie Deutschland, Frankreich oder Großbritannien, weder wirtschaftlich noch kulturell überleben.

Wenn wir über europäische Integration sprechen, sollten wir nicht nur aktuelle und berechenbare Daten, sondern auch weniger präzise und langfristige Effekte von Interaktion sowie eine Erweiterung ihrer Bedeutung berücksichtigen.

Klar, die EU ist mit einigen Problemen konfrontiert, aber stellen wir uns vor, dass infolge des Klimawandels der Golfstrom gestoppt würde, dann würden alle heutigen Probleme im Angesicht eines unendlich größeren in sich zusammenfallen und dann wäre die Zusammenarbeit zwischen den Staaten umso stärker lebensnotwendig. (Margus Ott, 20.6.2016)

Margus Ott (40) studierte Philosophie und Romanistik an der Uni Tallinn, wo er Dozent für Ostasien-Studien ist. Seit 1994 auch freier Übersetzer (Bergson, Deleuze, Leibniz), 2012 Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien.

Übersetzung aus dem Englischen von Karin Pollack

  • Die Alexander-Newski-Kathedrale in Tallinn wurde nach dem russischen Nationalhelden und Heiligen benannt.
    foto: istock / adrey omelyanchuk

    Die Alexander-Newski-Kathedrale in Tallinn wurde nach dem russischen Nationalhelden und Heiligen benannt.

  • Margus Ott studierte Philosophie und Romanistik an der Uni Tallinn, wo er Dozent für Ostasien-Studien ist.
    foto: ott

    Margus Ott studierte Philosophie und Romanistik an der Uni Tallinn, wo er Dozent für Ostasien-Studien ist.

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